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Historie Teil 3

1894

 

Moritz Hilf - Pionier der Eisenbahn

Der Bau der Lahntalbahn von Oberlahnstein nach Wetzlar (1857 - 1863) ist untrennbar verbunden mit dem Limburger Ingenieur, späteren Baurat und Geheimen Regierungsrat Moritz Hilf, der 1819 in Limburg das Licht der Welt erblickte. Seinen planerischen Fähigkeiten ist es zu verdanken, daß die Steckenführung wesentlich begradigt wurde, obwohl dies zur Folge hatte, daß eine Reihe zusätzlicher Brücken- und Tunnelbauten errichtet werden mußten - ohne Preßluftbohrer und Sprengstoff ein schwieriges Unterfangen. Das in sechs Jahren verwirklichte Projekt galt mit seinen zehn Lahnbrücken und achtzehn Tunnels als ein Wunderwerk seiner Zeit.
Nach seinem Tode 1894 setzte man ihm 1912 auf dem Bahnhofsplatz in Limburg ein Denkmal.


Einweihung des Moritz Hilf-Denkmals in Limburg 1912.

 

 

 

König Konrad in Villmar in Asyl

Auf dem einsamen Kalkriff hoch über der Lahn bei Villmar steht das Denkmal von König Konrad. Büsche und mächtige Bäume breiten ihre Äste davor und entziehen den Köhnig dem flüchtigen Blick der vorbeieilenden Autofahrer auf der Straße nach Runkel.
Wer vermutet, daß hier ein Denkmal an der falschen Stelle steht, liegt richtig. Es fand hier 1894 eine gastliche Heimstatt, als die Weilburger, denen es zugedacht war, ihm den Platz in der Stadt König Konrads, der Wilinaburg im Jahre 906 begründet hatte, verweigerten.
Das Denkmal sollte auf das Landtor gestellt werden, doch die Weilburger schwelgten noch in nostalgischen Erinnerungen an das untergegangene Herzogtum Nassau. 1892 beschloß der Gemeinderat, er werde “nielmals seine Zustimmung dazu geben, daß das im Jahr 1759 als Denkmal für den durchlauchtigsten Fürsten Carl zu Nassau erbaute hiesige Landtor zur Tragung eines anderen Denkmals benutzt” werde.
Schärfste Gegner der Denkmalspläne verstiegen sich sogar in der Behauptung, Konrad I., der von 911 - 918 regierte, sei in seiner Reichsführung gescheitert und habe deshalb eine solche Ehre nicht verdient.


Hoch auf dem Felsen über der Lahn
steht das Denkmal von König Konrad.

Zwar war es ihm nicht gelungen, die deutschen Stämme gegen die Einfälle der ungarischen Reiterheere zu einigen - dennoch hat er Geschichte geschrieben. In der klaren Einsicht, daß die Macht der Franken nicht mehr ausreichte, die Einheit und Sicherheit des Reiches zu garantieren, schlug er todkrank in seiner Stammburg im sogenannten Weilburger Testament seinen schärfsten Widersacher, Herzog Heinrich von Sachsen, als seinen Nachfolger vor und sorgte damit für die Wende: Heinrich, der Burgenbauer, der die gepanzerte Reiterei schuf, aus dem sich das Rittertum entwickelte, wurde durch den Verzicht von Weilburg der eigentliche Gründer des Deutschen Reiches.

 

 

 

Weltchronik 1894

  • Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst wird deutscher Reichskanzler (bis 1900).
  • Erste öffentliche Aufführung des zwei Jahre polizeilich verbotenen Schauspiels “Die Weber” von Gerhart Hauptmann. Baron de Coubertin gründete ein Komitee für Olympische Spiele (Bild).
  • Louis Lumière erfindet den Kinemathographen.
  • Yersin und Kitasato entdecken unabhängig voneinander den Pestbazillus.
  • Beginn der christlichen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland.
  • Theodor Fontane veröffentlicht den Roman “Effi Briest”.
  • Daimler gewinnt das erste Autorennen von Paris nach Rouen.
  • Nikolaus II. wird nach dem Tode seines Vaters Alexander III. Zar von Rußland.
  • + Anton Rubienstein, russischer Komponist, verstirbt.

 

 

 

 

1895

 

Von Kloster Marienborn in alle Welt

Duch Vermittlung des Limburger Bürger Peter Paul Cahensly und Peter Kurtenbach waren bereits 1892 Pallottienerpatres und -brüder, die in dem deutschen Schutzgebiet Kamerun die Missionsarbeit übernommen hatten, nach Limburg gekommen.
Am 25. April 1895 trafen auch Pallottinerinnen am Limburger Bahnhof ein, um ebenfalls eine Niederlassung in dieser Stadt zu gründen. Ihr erstes Domizil war ein Haus in der Diezer Straße, wo einige Holzgestelle und Strohsäcke, ein paar Tische und Bänke den ganzen Hausrat bildeten.
Bereits im April 1896 wurden einige der Schwestern zunächst nach Kamerun in die Mission entsandt. In späteren Jahren gingen sie auch in andere Teile der Welt.
Schon bald platzte die Unterkunft aus allen Nähten. Nachdem die Anmietung des Nachbarhauses kaum die Lage verbesserte, erfolgte im Juli 1900 der erste Spatenstich für das Limburger Mutterhaus an der Weilburger Straße. Bereits im September des folgenden Jahres zog man in die neue Unterkunft um.
Weil das Gelände zwischen den Straßen nach Dietkirchen und Weilburg die Flurbezeichnung “Born” hatte, nannten die Schwestern ihr neues Haus “Marienborn”



Rohbau des Klosters Marienborn an der Weilburger Straße im Jahre 1900

 

 

 

Einzigartig:
Die Lahnbrücke in Villmar aus Marmor

Eine ungewöhnliche Lahnbrücke verbindet in Villmar die Ufer; Ihre Pfeiler und Bögen sind aus Marmor. Für die Villmarer ist dies allerdings wenig Besonderes, denn der kostbare Stein ist hier beheimatet, wird hier in bester Qualität gewonnen. So lag es nahe, ihr für die Brücke zu verwenden.
Errichtet wurde sie zwischen 1894 und 1896. Sie ist also weitaus jünger als die alten historischen Brücken in Weilburg und Limburg, die schon über 700 Jahre auf ihrem krummen Buckel haben.
Bis dahin hatte Villmar keine Lahnbrücke. Wer ans andere Ufer wollte, wer mit der Lahnbahn fahren wollten, mußte sich mit einem Nachen übersezten lassen.
Die Marmorbrücke kostete 100.000 Goldmark. Ein stolzer Preis für die damalige Zeit.
Es war noch eine mühsame Arbeit, denn keine Baumaschinen standen den Brückenbauern zur Verfügung, keine Kräne erleichterten ihnen den Umgang mit den viele Zentner schweren Marmorblöcken. Dafür war die dreijährige Bauzeit erstaunlich kurz.


Aufnahme vom Richtfest der Brücke, das 1895 gefeiert wurde, als der dritte
der Bögen gerade geschlossen war; Fahnen auf den schon fertigen ersten
Bögen lassen dies vermuten. Neben den stolzen Bauleuten sieht man die
Villmarer Gendarmen. Auch eine Abordnung der Bürgerwehr ist vertreten.

 

 

 

Weltchronik 1895

  • Im Transvaal besiegen die Buren die eigedrungenen Engländer.
  • Der 1887 begonnene Kaiser-Wilhelm-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal) wird fertiggestellt.
  • Französische Truppen erobern Madagaskar.
  • Der schwedisch Chemiker Alfred Nobel stiftet den Nobelpreis.
  • Wilhelm Röntgen (1845 - 1923; Bild) entdeckt die X-Strahlen (Röntgenstrahlen). Bild: Das Haus in dem er die Strahlen entdeckte.
  • + Friedrich Engels, Begründer des “Dialektischen Materialismus” verstirbt.
  • + Luise Otto Peters, Vorkämpferin der Frauenbewegung verstirbt.

 

 

 

 

1896

 

Der alte Schulhof in Weilburg

Der Platz an der unteren Lahngasse in Weilburg sah früher viel gefälliger aus, als hier noch der Schulhof war. Das Kopfsteinpflaster ist durch eine Teerdecke ersetzt worden, das Häuschen in der Mitte, das jahrzehntelang Lehrer beherbergte und bis in die fünfziger Jahre hinein bewohnt war, steht nicht mehr (unten). Es mußte verschwinden, damit die Feuerwehr, die lange Zeit in der Heuscheuer rechts im Hintergrund untergebracht war, eine bessere Durchfahrt für ihre Wagen bekam.
Für die Kinder ist hier kein Platz mehr zum Spielen. In dem ehemaligen Schulgebäude sind die Handwerkerschaft und Büros untergebracht, in dem Haus vorne rechts befinden sich ein Geschäft und Wohnungen.

 

 


Kleine Klassen waren früher ein Fremdwort. Hier sieht man Lehrer Rücker
mit seiner Schulklasse in Wirbelau. Daß mehrere Jahrgänge zusammen
unterrichtet wurden, war in der damaligen Zeit selbstverständlich.

 

 

 

Weltchronik 1896

  • Sachsen erhält unter König Albert das “Drei-Klassen-Wahlrecht”.
  • Ein Glückwunschtelegramm von Wilhelm II. an den Präsidenten der Burenrepublik, Krüger, anläßlich der Abwehr des britischen Überfalls führt zur Verstimmung mit England.
  • Franz Ferdinand, Sohn des Erzherzogs Karl Ludwig, wird österreichisch-ungarischer Thronfolger.
  • Anfang einer Arbeitslosenversicherung in DeutschlandTheodor Herzl verfaßt seine Schrift “Der Judenstaat” und begründet damit die zionistische Bewegung.
  • Moskauer Krönungsfest (Zar Nikolaus II.) endet mit über 3000 Toten.Goldrausch am Condyke (Alaska).
  • In München erscheint die Wochenzeitschrift “Simplicissimus”.
  • In London, Berlin und New York strömen die Menschen in Stummfilm-Kinos.
  • In Athen finden die ersten neuzeitlichen Olympischen Spiele statt.
  • Otto Lilienthal verunglückt bei einem Gleitflug tödlich.
  • Georges Méliés gründet die erste Filmproduktionsfirma der Welt, “Star-Film”.
  • + Alfred Nobel, schwedischer Chemiker verstirbt.
  • + Anton Bruckner, deutscher Tondichter, verstirbt.

 

 

 

 

1897

 

Verheerende Windhose über Camberg

Am 18. März 1897 war ein schöner warmer Tag. Die Sonne meinte es schon morgens gut, bis etwa nach 15 Uhr der Himmel trüb wurde. Zwei Stunden später sah man in Camberg über der “Wörsch” ein Gewitter heraufziehen. Nach einem leichten Regen folgte ein furchtbarer Regenschauer - dann wurde es ganz finster, und es legte ein fürchterlicher Sturm - eine Windhose - los. Dachziegel, Kleidderstücke, Steine und verschiedenartige Gegenstände flogen durch die Luft. Die Häuser zitterten, und klirrend zersprangen Fensterscheiben. Viele Leute flüchteten in die Kellerräume und warteten das Ende des Unwetters ab.
Nach kurzer Zeit hellte sich der Himmel auf - Camberg bot ein Bild der Verwüstung. Viele Dächer von Häusern und Scheunen waren abgedeckt, einige Gebäude eingestürzt, vor allem in der Bahnhofstraße, Frankfurter Straße und dem Mühlweg. Auch das Bahnhofgebäude wurde schwer beschädigt. Ein Bahnarbeiter wurde von einem umgestürzten Eisenbahnwaggon zu Tode gequetscht.
In Kirberg fiel der Kirchturm dem Sturm zum Opfer, der auch erheblichen Schaden in den Taunuswäldern anrichtete.


Am 8. und 9. August 1897 fand in Villmar das Gauturnfest des Lahn-Dill-Gaus statt.
Ausgerichtet wurde es vom Turnverein “Vorwärts” Villmar auf dem Festplatz “Grund”,
den ehemaligen Schuttplatz des Marmorwerkes, heutein der Nähe des Parkplatzes der
König-Konrad-Halle in Richtung Runkel glegen. Gleichzeitig fand die Fahnenweihe des
Turnvereins (gegründet 1891) statt, die von den Frauen und Jungfrauen von Villmar ges-
tiftet wurde. Zu einem Erinnerungsfoto haben sich die Ehrenjungfrauen, der Vorstand des
Vereins und die Turner des Gaus versammelt.

 

 

 

Weltchronik 1897

  • William McKinley wird Präsiden der USA.Die USA annektieren die Hawaii-Inseln.
  • Aufbau der deutschen Kriegsflotte.Gründung des Deutschen Caritas-Verbandes.
  • Das “Blaue Band” wird erstmal von einem deutschen Schiff errungen.
  • Theodor Herzl ruft den ersten Zionistenkongreß nach Basel zusammen.
  • Der Italiener Guglielmo Marconi (Bild) baut den ersten Funktelegraphen.
  • Beginn der Herstellung künstlichen Indigos.
  • Emilie Zola fordert in seinem offenen Brief “J’accuse” die Überprüfung des Dreyfus-Prozesses.
  • Am Deutschen Eck in Koblenz wird das Denkmal Wilhelms I. errichtet (1944 zerstört).
  • + Johannes Brahms, deutscher Komponist verstirbt.

 

 

 

 

1898

 

Goldene Handwerkerzeiten

Wenn das Handwerk, wie es das alte Sprichwort behauptet, einen goldenen Boden hat, dann muß dies besonders für die Lebensverhältnisse um die Jahrhundertwende zugetroffen haben. Die Menschen, die damals um das Weilburger Dornröschenschloß wohnten, fühlten sich zwar schon als echte Städter, aber es war doch alles noch ganz anders.
Benzingestank war noch kein Ärgernis, und “Streß” war noch nicht einmal als Fremdwort bekannt. Die Frauen saßen nach Feierabend vor der Haustür und arbeiteten an ihrme Srickstrumpf, die Männer, Handwerker und Bauern, flanierten in den verträumten Gassen: Das Gläschen Bier kostete nur 10 Pfennig und der Kringel Wurst kaum mehr.
An Handwerkern war kein Mangel in Weilburg: Es gab fünf Kappenmacher, drei Schmiede, zwei Messerschmiede, zwei Drechsler, sechs Polstermacher, zwei Küfer, einen Orgelbauer und viele Tante-Emma-Läden.
Die Handwerkerzünfte bestimmten das Leben der Stadt. Wenn Fastnacht war, waren Handwerker die größten Spaßmacher.



In der Weilburger Langgasse, wo einst Metzgermeister Wilhelm Metzler
seinen Betrieb hatte, ist heute ein Schuhgeschäft. Das Foto mit den festlich
geschmückten Ochsen entstand zu einer Zeit, als noch die Handwerker die
wichtigste Gruppe im gesellschaftlichen Leben Weilburgs waren. Metzger-
meister Robert Metzler (mit Schnurrbart) steht stolz hinter dem prächtigen
Mastochsen.

 

 

 

Ein Schweizer als Bischof

Als erster Bischof, der nicht ausdemBistum Limburg stammte, trat 1898 Dr. Dominikus Willi, ein aus dem Zisterszienser-Orden kommender Rätoromane, sein Amt an.
Der in Graubünden (Schweiz) aufgewachsene Bischof kam 1888 in den Westerwald, wo er Abt des Klosters Marienstatt wurde. Zehn Jahre später wurde er neuer Bischof in Limburg. Seine Amtszeit fällt in die Periode der “guten alten Zeit” vor dem Ersten Weltkrieg. Im Januar 1913 starb Dominikus Willi.

 

 

 

Weltchonik 1898

  • Gründung der Sozialdemokratischen Partei in Rußland.
  • Der Flottenbau in Konkurrenz mit England wird vom Staatssekretär im Marineamt, Admiral Alfred von Tirpitz, vorangetrieben.
  • Die österreichische Kaiserin Elisabeth wird in Genf ermordet.
  • Spanien verliert Kuba und die Philippinen im Krieg gegen die USA.
  • China wird gezwungen, Kiantschon und Tsingtau an Deutschland zu verpachten.
  • Marie und Pierre Curie entdecken das Radium.
  • Auf der Automobilausstellung in Paris stellt Gottlieb Daimler den ersten Daimler-Lastwagen vor.
  • Leopold Ullstein gründet die “Berliner Morgenpost”.
  • Der Zeichner Th. Th. Heine wird wegen Majestätsbeleidigung im “Simplicissimus” zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
  • Am Grabe Saladins, Sultan von Ägypten und Syrien, in Damaskus erklärt Wilhelm II., er werde “zu allen Zeiten der Freund von 300 Millionen Mohammedanern sein”.
  • + Fürst Otto von Bismarck, Reichskanzler (1871-1890) verstirbt.
  • + Theodor Fontane, deutscher Dichter, verstirbt.

 

 

 

 

1899

 

Die Jecken sind los

Der gestrige Fastnachtdienstag verlief bei günstiger Witterung und hatte das schöne Wetter viele auf die Beine gebracht, um den von der Gesellschaft “Kennt ihr mich” arrangierten Festzug zu sehen.
Die Neugierigen waren aber weniger von außerhalb als von hier. Die Auswärtigen hatten sicher gedacht, in Weilburg wird wieder viel getrommelt, aber viel wird nicht zu sehen sein; wir sind schon mehrere Jahre geutzt worden, auf den Leim gehen wir nicht mehr.
Aber diesmal sind sie im Irtum gewesen und diejenigen, die fern geblieben waren, haben viel versäumt; diesmal war es wirklich ein schöner Fastnachtszug. Eine dralle Köchin zu Rad, welche ihren Kochlöffel tüchtig zu schwingen verstand, eröffnete den schön gelungenen und originell arrangierten Festzug, dann flogten die Funkengardisten mit ihrer gelungenen Kapelle und noch gelungeneren Kapellmeistern, dann folgten in mehreren Wagen das närrische MInisterium, das Zugkomittee, Prinz Carneval undseine hohe Gemahlin, ein Wagen stellte den Frühling dar und ein anderer den “Liederkranz”. Auch an komischen Darstellungen fehlte es nicht. Es waren vertreten: die Hofmetzgerei und Hofbäckerei des Prinzen, der Kastengeist, Consumverein, ein Ziegenhirte führte seine vor einem kleinen Wagen gespannte Ziege.
Auch der bekannte Wiener Professor Schenck suchte seine Theorie den Zuschauern in gelungener Weise klar zu machen. Das ganze Arragement des Zuges war sehr schön und beglückwünschen die Gesellschaft “Kennt ihr mich” hierzu.

Aus dem Weilburger Tageblatt vom 16. Februar 1899

 


Mit “Helau” ziehen die Limburger Narren, wie hier im Jahre 1901, durch die
Stadt.

 

Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts wurden Ausstellungen und Prüfungen
der “Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft” (DLG) von heimischen Züchtern
beschickt. 1899 gewann der vierjährige Bulle “Franz” aus dem Stall des Land-
wirtes Johann Reichwein (Thalheim) in Frankfurt den ersten Preis, der mit
150 Mark dotiert war. Austeller war der “Verband der Herdbuchgesellschaft für
das Lahnvieh” mit Sitz in Limburg.

 

 

 

Weltchronik 1899

  • Haager Friedenskonferenz über friedliche Beilegung internationaler Konflikte und über die Landeskriegsordnung.
  • Beginn des Burenkrieges in Südafrika: Der Widerstand der Buren bricht an der harten britischen Kriegsführung (Konzentrationslager).
  • Britische Südafrika-Gesellschaft wird gegründet. Leitung: Cecil Rhodes (linkes Bild).
  • Der Deutsche Reichstag lehnt Zuchthausstrafen für Streikführer ab.
  • Die Karolinen-, Palau- und Marianen-Inseln werden deutsche Kononien.
  • Robert Koldewey beginnt die Ausgrabung Babylons.
  • Ernest Rutherford (rechtes Bild) entdeckt Alpha- und Betastrahlen radioaktiver Atome.
  • Einführung des Aspirins.
  • Erstes Mannschafts-Sechstagerennen in New York.
  • + Johann Strauß (Sohn), österreichischer Komponist verstirbt.
  • + Robert Bunsen, Chemiker, Erfinder des Bunsenbrenners verstirbt.

 

 

 

 

1900

 

Das Löhnberger Schloß brannte

Die Löhnberger Burgruine ist alljährlich Schauplatz eines der größten Feste weit und breit: Am ersten Wochenende im Juli veranstaltet stets die Sängervereinigung “Rheingold” das Burgfest. Die Sänger haben in den letzten zwei Jahrzehnten die Gewölbe der Ruine mit öffentlicher Hilfe ausgebaut, haben Wein- und Sektkeller hergerichtet, wo es sich seitdem gemütlich feiern läßt.
Nicht durch kriegerische Horden im Mittelalter ist die Lahneburg zerstört worden, sondern durch einen Brand am 5. September 1900.
Graf Johann von Nassau-Dillenburg erbaute die Burg im 14. Jahrhundert vermutlich zur Sicherung der Selterser Furt, die der Straße vom Rhein nach Hessen und Thüringen als Lahnübergang diente.
Aus der Entstehungszeit um 1350 sind nur die beiden Rundtürme am Flügeleck und an der Nordwestflanke übriggeblieben; der Hauptteil des alten Wehrhaus hat irgendwann im 16. Jahrhundert dem dann staatlichen zweiflügeligen Schloßbau Platz gemacht.


Die Löhnberger Burgruine, von Selters aus gesehen, links die evangelische
Kirche.

 


Die Kessel für die Dampfmaschine des Selterssprudel in Löhnberg wird montiert.

 

 

 

 

Weltchronik 1900

  • Fürst Bernhard von Bülow wird deutscher Reichskanzler (bis 1909)In China werfen die europäischen Großmächte den Aufstand des Boxer-Geheimbundes blutig nieder.
  • In Deutschland tritt das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) in Kraft.
  • Das zweite deutsche Flottengesetz sieht eine starek Erweiterung der Seestreitkräfte bis 1917 vor.
  • Ferdinand Fraf Zeppelin unternimmt in Friedrichshafen die erste Fahrt mit seinem Luftschiff.
  • Olympische Spiele und Weltausstellung in Paris.
  • Gründung der englischen Labour Party.
  • Max Planck begründet die Quantentheorie.
  • Sigmund Freud begründet mit seiner “Traumdeutung” die Psychoanalyse.
  • Deutscher Fußballbund (DFB) in Leipzig gegründet.
  • Stiftung des Davispokals.
  • Erste Teilstrecke der Pariser Metro eröffnet.
  • + Wilhelm Liebknecht, sozialdemokratischer Führer verstirbt.
  • + Oscar Wilde, englischer Dichter, verstirbt.+ Friedrich Nietzsche, deutscher Philosoph, verstirbt.

 

 

 

 

1901

 

Die Dampfdreschmaschine kommt

Nachdem der Engländer James Watt 1769 die erste brauchbare Dampfmaschine erfunden hatte, brauchten die Bauern und ihre Helfer nicht mehr allzulange auf eine technische Neuerung im Ablauf der Getreideernte zu warten. Als der Oberlahnkreis gegründet wurde, hatte die Dampfdreschmaschine längst auch im Nassauer Land Einzug gehalten.
Bis dahin kamen die Descher noch mit den Flegeln zu den Bauernhöfen. In der Tenne der Scheunen schwangen sie meist zu dritt im Takt den mit einem Lederriemen an einem Stiel besfestigten hölzernen Flegel auf die mit den Ähren nach innen im Kreise gelegenen Garben. Die aus dem Stroh geschlagenen Körner wurden dann durch Schütteln in flachen Körben oder im weiteren Fortschritt der Technisierung in Putzmaschinen vom Spreu getrennt.
Diese meist im Winter ausgeführte Knochenarbeit wurde durch die Einführung der Dreschmaschine abgelöst. Das Anrücken der Dreschmaschine zählte in den Dörfern zu den jährlichen Ereignissen, bedeutete Brot und klingende Münze für die Drescher und ihre Familien. Die Dorfjugend konnte das technische Wunderwerk bestaunen, das Wasser in eigenem Kessel erhitzte und den Dampf in Arbeitskraft umsetzte.
Bis sich allerdings die Treibriemen drehten, war beim Rücken der schweren Dreschmaschine in den engen Gassen, Hofeinfahrten und Scheunen Millimeterarbeit zu leisten. Das Dreschen mit der Dreschmaschine wurde anfänglich aber mehr auf dem Dreschplatz abgewickelt. Sicher auch wegen der Brandgefahr durch die Kohlefeuerung der Antriebsmaschine und die Rauchentwicklung aus dem Schornstein der Dampfmaschine.


Dreschen mit der Dampfmaschine, ein Bild aus Uropas Zeiten. Der zwischen Maschine
und Dreschkasten einzuhaltende Sicherheitsabstand wurde mit einem langen und breiten
Lederriemen überbrückt. Im Bild zwischen Dampfmaschine und Dreschkasten ein Leiter-
wagen mit Deichsel für ein Zweier-Pferdegespann, der hochbeladen die Garben zum
Dreschplatz gebracht hatte. (Bild aus Dauborn aus den Jahren 1862 - 1870)

Die notwendigen hohen Touren der Dreschmaschine wurden durch das Übersetzungsverhältnis vom großen Triebrad des “Feuerrosses” zur wesentlich kleineren Riemenscheibe des Dreschkastens erreicht. Dieses Übersetzungsverhältnis änderte sich, als der “Bulldog” die Dampfmaschine aus der Drescharbeit verdrängte. Der Motorschlepper hatte gegenüber der Dampfmaschine größere Vorzüge. Er zeichnete sich durch größere Leistung und Beweglichkeit aus, was vor allem beim Rücken der Dreschkasten und Binder von Vorteil war.
Die Dampfdreschmaschine gehörte bald zu alten Eisen, und nur noch Bilder und Museumsstücke erinnern an eine Epoche der technischen Weiterentwicklung auf dem Bauernhof.

 

 

 

Weltchronik 1901

  • Der amerikanische Präsiden William McKinley wird ermordet, Nachfolger wird Theodore Roosevelt.
  • Irischer Kampf um Selbstregierung gegen England (Homerule).
  • Königin Victoria von Großbritannien stirbt nach 63jähriger Regierungszeit. Nachfolger wird ihr Sohn Eduard VII.
  • Thomas Mann verfaßt seinen Roman “Die Buddenbrocks”.
  • Henri Durant, der Begründer des “Roten Kreuzes”, bekommt den Friedensnobelpreis verliehen.
  • In Sibirien wird in gefrorenem Boden das erste vollständige Mammut gefunden.
  • Karl Landsteiner entdeckt die vier Blutgruppen beim Menschen.
  • In der Les-Combarelles-Höhle (Südfrankreich) werden über 300 Bilder aus der Eiszeit entdeckt.
  • Beginn der Erdölbohrungen in Persien.
  • Dutton entdeckt den Erreger der Schlafkrankheit.
  • Der italienische Funktechniker Guglielmo Marconi übermittelt drahtlos Nachrichten von England über den Atlantik.
  • Eine deutsche Südpolexpedition startet unter Drygalski (bis 1903).
  • Die Wander- und Freundschaftsgruppe “Wandervögel” in Berlin gründen eine gegen das konventionserstarrte Bürgertum gerichtete Bürgerbewegung.
  • + Guiseppe Verdi, italienischer Komponist, verstirbt.
  • + Toulouse-Lautrec, französischer Maler, verstirbt.

 

 

 

 

1902

 

In der Not war ärztliche Hilfe selten gleich zur Stelle

Sehr im argen lag vor der Jahrhundertwende die ärztliche Betreuung. In Weilburg gab es (neben dem Amtsarzt) nur noch zwei Ärzte, das Original Hofrat Dr. Büsgen, der noch aus nassauischen Zeiten stammte, und Dr. Diesterweg. Sie versorgten auch die Dörfer ringsum, mit denen sie Verträge abgeschlossen hatten und erhielten für einen Gang beispielsweise nach Merenberg fünfzig Pfennig.
Das Haus Weilstraße 3 war das städtische “Spital”, das bei Krankheit nur im äußersten Notfall aufgesucht wurde; erst 1904 wurde das Städtische Krankenhaus errichtet. Kinder kamen nur im Haus zur Welt, in jedem Ort gab es eine Hebamme. Die Zähne wurden vom Barbier gezogen, natürlich ohne Betäubung. Erst um 1900 ließen sich Dentisten nieder, sie nannten sich damals Zahntechniker, und zehn Jahre später kam mit Hermann Petri der erste Zahnarzt nach Weilburg.


Seit langem gehört das Limburger Oktoberfest zu den traditionellen und bei jung und
alt beliebten Volksfesten. Bereits um die Jahrhundertwende lockte ein attraktiver Ver-
gnügungspark die Besucher auf den Marktplatz.

 

 

 

Weltchronik 1902

  • Leo Trotzkij flüchtet aus sibirischer Verbannung nach London.
  • Norwegen schafft die Todesstrafe ab.
  • Italien sichert Frankreich seine Neutralität im Kriegsfall zu und leitet damit seinen Abfall vom Dreibund trotz dessen Erneuerung ein.
  • Friedensschluß im Burenkrieg: Die Burenrepubliken verliesen ihre Unabhängigkeit und werden britische Kolonien (Bild).
  • Robert Bosch entwickelt Hochspannungs-Magnetzündungen für Kraftfahrzeugmotoren.
  • Dem amerikanischen Gehirnchirurgen Harvey Cushing gelingt die erste Nervennaht.
  • Der deutsche Historiker Theodor Mommsen erhält den Nobelpreis für Literatur.
  • Korn entwickelt die Bildtelegrafie.
  • 26.000 Tote beim Ausbruch des Vulkans Montagne Pelée auf Martinique.
  • + Rudolf Virchow, deutscher Arzt, verstirbt.
  • + Emile Zola, französischer Schriftsteller, verstirbt.

 

 

 

 

1903

 

Der Limburger Männergesangverein “Eintracht”feierte sein 40jähriges Jubiläum
mit einem Umzug durch die Sraßen der Stadt.

 

 

Zur neuen Aumenauer Kirche eine Bibel
von der Kaiserin

Die evangelischen Christen von Aumenau erhielten am 28. Juni 1903 eine neue Kirche. Kaiserin Auguste Viktoria schenkte ihnen zur Einweihung eine Bibel.
In Aumenau gab es zwar schon seit 1510 eine Kapelle, aber sie wurde 1854 wegen Baufälligkeit abgerissen. An der Stelle wurde das Gemeindebackhaus mit dem Rathaussal errichtet.
Heutzutage ist es glücklicherweise kaum mehr möglich, die Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst einfach dem Erdboden gleich zu machen.
Der Grundstein zu der neuen Kirche wurde am 3. September 1902 gelegt, und am 4. März 1903 war Richtfest. Das Gotteshaus kostete 22.000 Reichsmark.


Am 4. März 1903 wurde an der evangelischen Kirche von Aumenau das
Richtfest gefeiert.

 

 

 

Weltchronik 1903

  • Die russischen Spezialisten spalten sich in “Bolschewiki” (Mehrheit) und “Menschewiki” (Minderheit).
  • Gründung des Zentralverbandes der deutschen Konsumgenossenschaften.
  • Nobelpreisverleihung an das Ehepaar Curie.
  • Panama erringt seine Unabhängigkeit von Kolumbien und tritt die Kanalzone an die USA ab.
  • Henry Ford gründet die Ford-Automobilgesellschaft.
  • Das “Deutsche Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaften und Technik” in München wird gegründet.
  • Erster Motoflug der Brüder Orville und Wilbur Wright über die Strecke von 50 m (Bild).
  • Der “ADAC” wird gegründet.
  • Die “Tour de France” wird erstmalig ausgetragen.
  • + Papst Leo XIII., Nachfolger Pius X. (bis 1914), verstirbt.
  • + Paul Gauguin, fanzösischer Maler, verstirbt.

 

 

 

 

1904

 

Das Autorennen durch unseren Kreis

Der Franzose Théry wurde Sieger des Gordon-Bennett-Rennens. Von 18 Wagen, die die Rennfahrt am 17. Juni 1904 begannen, erreichten elf nach etwa 565 Kilometern harter Strecke das Ziel.

Kurs des Gordon-Bennet-Rennens

 

Tausende von Motorsportgebeisterten säumten die Rennstrecke: Homburg v. d. H. war Start und Ziel, über die Saalburg, Wehrheim, Usingen ging es nach Weilburg, Allendorf, Heckholzhausen, Obertiefenbach, Limburg, Linter, Kirberg, Idstein zurück zum Start.
Ob der halsbrecherischen Geschwindigkeit der Rennwagen wurde die Rennstrecke in den Ortschaften durch Drahtgitter gegen die Fußgängerpfade abgegrenzt. Dennoch hatte das Publikum Gelegenheit, die Kraftwagen in höchster Geschwindigkeit zu erleben. Zwischen Limburg und Weilburg, so berichteten einige Teilnehmer, sei eine Geschwindigkeit von drei Kilometern in der Minute erreicht worden. Trotzdem: Kein Unfall trübte diesen Freudentag aller Automobilisten. Schade war allerdings, daß die Hoffnungen vieler nicht erfüllt wurde, den höchsten Gast des Deutschen Automobilclubs, Seine Majestät den Kaiser, zu sehen, der, wie angekündigt warden war, die Strecke abfahren wollte.
Der belgische Mercedes-Fahrer Jenatzky, den Benzinmangel in der dritten Runde zurückgeworfen hatte, erreichte den zweiten Platz hinter dem siegreichen Franzosen.
Nach dem Rennen hatte Mercedes 24 Wagen nach Belgien, 12 nach Holland und 150 nach England verkauft. Der deutsche Kaiser bestellte sofort nach dem Rennen einen 40pferdigen Mercedes.


Die Teilnehmer des Gordon-Bennet-Rennens am 17. Juni auf einem Opel.

 


Dieser Teilnehmer hat das Etappenziel auf dem Neumarkt in Limburg erreicht.

 

 

 

Weltchronik 1904

  • China und Großbritannien schließen einen Vertrag über die Einfuhr von Kulis in alle englischen Kolonien.
  • Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika und Hottentotten-Aufstand unter Hendrik Witboi.
  • Theodore Roosevelt wird als 26. Präsident der Vereinigten Staaten wiedergewählt.
  • Wegen des politischen und wirtschaftlichen Einflußnahme in der Mandschurei und Korea kommt es zum Krieg zwischen Rußland und Japan.
  • Kaiser Wilhelm II. spricht auf eine Edison-Walze.
  • Es ist das erste “politische” Tondokument.Erste U-Bahn der Welt in New York eröffnet.
  • In Deutschland werden die Daimler-Werke, in England die Autofabrik Rolls-Royce gegründet.
  • Weltausstellung in St. Louis.
  • Erste farbige Fotografie auf der Titelseite einer Zeitung (Daily Illustrated Mirror).
  • Mit “Flyer 2” glückt den Gebrüdern Wright der erste Flug.
  • Das Kaufhaus Wertheim in Berlin wird Vorbild für ähnliche Projekte in ganz Europa.
  • + Anton Tschechow, russischer Schriftsteller verstirbt.
  • + Anton Dvorák, tschechischer Komponist, verstirbt.
  • + Frédéric-Auguste Bartholdi, Erbauer der New Yorker Freiheitsstatue, verstirbt.

 

 

 

 

1905

 

Neues Krankenhaus für Weilburg

Am 1. Mai 1905 wurde an der oberen Frankfurter Straße in Weilburg das neue städtische Krankenhaus feierlich eingeweiht. Das seitherige Hospital an der Weilstraße wurde zum Altersheim umgestaltet.
Fast sieben Jahrzehnte betrieben die Stadt und später der Kreis das Krankenhaus, bis es 1974 nach dem Bau der Hessenklinik an der Spielmannstraße geschlossen wurde. Inzwischen ist der Gebäudekomplex abgerissen und an der Stelle ein modernes Fortbildungsinstitut für hessische Lehrer entstanden.

 

 

Steinbrecher - ein hartes Brot

Neben dem Bergbau war die Arbeit in den Steinbrüchen lange Zeit der wichtigste Erwerbszweig für die Manschen im Taunus und Westerwald; übriggeblieben sind der Kalkabbau bei Steeden, einige Tongruben auf dem Westerwald und der Villmarer Marmorbruch. Es war ein sauer verdientes Brot: 80 bis 90 Mark brachte der Steinbrecher nach Hause und konnte nur leben, weil er nach Schichtschluß oder seine Frau die kleine Landwirtschaft versah. Dabei hatte er bis zum Steinbruch oft einen Anmarsch von einer Stunde und mehr.



Die Arbeiter des Steinklopfwerkes Steinbruch II in Weilmünster im Jahre 1905

 

 

 

Selters in alle Welt

Niederselters war einmal ein Weltbad. Heute klingt es wie ein Märchen, aber im 18. Jahrhundert rangierte Niederselters vor Wiesbaden, Nauheim, Ems und vielen anderen Bädern. Fürsten und Grafen kurten hier, sogar eine Königin aus England, die sich das Wasser doch auch nach London hätte lassen können. Denn Selterswasser wurde in den charakteristischen Tonkrügen in alle Welt versand, nach England wie nach Schweden, nach Amerika und Afrika. Selters wurde im 19. Jahrhundert zum Weltbegriff für Mineralwasser schlechthin.
Niederselters sah natürlich damals anders aus als heute. Dort, wo heute der Bahnhof steht, erstreckte sich der Kurpark. Hübsche Kuranlagen faßten den Brunnen ein. Der ganze Ort hatte mit breiten Brunnenallee und seinen komfortablen Gasthäusern ein eher städtisches als dörfliches Gepräge.
Als Kurtrier die Niederselterser Quelle an die Nassauer abgeben mußte, ging es mit dem Bad zu Ende. Denn die neuen Herren konzentrierten sich auf den Wasserversand, mit dem sich mehr verdienen ließ.


Bahnhof Niederselters mit angrenzendem Kruglager.

 

 

 

Weltchronik 1905

  • Mit Gründung des Deutschen Städtetages beginnt die moderne Kommunalpolitik.
  • In Irland begeht die radikale irische Partei “Sinn Féin” (Wir selbst) anti-englische Terroraktionen.
  • England führt Achtstundentag für Kohlearbeiter unter 18 Jahren ein.
  • Revolution in Rußland: In Moskau und Petersburg werden Sowjets (Räte) gebildet.
  • Meuterei in der Kriegsflotte, unter anderem auf dem Panzerkreuzer Potemkin.
  • Im Ruhrgebiet streiken 200.000 Bergleute.
  • Kaiser Wilhelm II. löst duch seinen Besuch in Tanger die erste Marokkokrise aus.
  • Albert Einstein entwickelt die spezielle Relativitätstheorie.
  • Drei deutsche Wissenschaftler erhalten den Nobelpreis: Robert Koch (Medizin). Philipp Lenard (Physik) und Adolf Ritter von Baeyer (Chemie).
  • + Jules Verne, französischer Schriftsteller, verstirbt.
  • + Adolph von Menzel, deutscher Maler, verstirbt.

 

 

 

 

1906

 

Tausendjahrfeier in Weilburg:
Der Besuch des Prinzen

Im August feierten die Weilburger das tausendjährige Bestehen ihres altehrwürdigen Städtchens, der ehemaligen Residenz der Fürsten von Nassau-Weilburg. Diese Feier wurde nicht nur zu einem bedeutenden historischen Ereignis für Weilburg, sondern darüber hinaus für das gesamte Nassauer Land. Höhepunkte waren der Empfang des Prinzen Eitel Friedrich als Vertreter des Kaisers Wilhelm II., die Aufführung des von Staatsarchivat Hofrat Dr. Christian Spielmann (Wiesbaden) verfaßten historischen Festspiels “Das Testament von Weilburg” und der von dem Wiesbadener Kunstmaler Th. Ohlsen gestaltete historische Festzug am 19. August.
An der Spitze der Stadtverwaltung stand damals Bürgemeister Karthaus. Seine älteste Tochter Else war zu der Zeit ein Schulmädchen. So erlebte sie das große Ereignis: “Ich wurde von meinen Freundinnen sehr beneidet, weil ich dem Ehrengast, Prinz Eitel Friedrich einen Blumenstrauß überreichen durfte. Ich bekam ein wunderschönes weißes Kleid und mußte fleißig den Hofknicks üben. Endlich nahte der große Tag. Die Illumination am Vortag war verregnet, doch am Festtag stellte sich schönes Wetter ein. Zu Empfang des Prinzen wurde ich im Wagen mit zum Bahnhof genommen. Ich war erleichtert, als ich meinen Rosenstrauß mit einigen Wörtern überreicht hatte und auch der Hofknicks gelungen war. Prinz Eitel Friedrich machte einen recht schüchternen Eindruck, gewann aber durch sein liebenswürdiges Wesen bald die Herzen aller.

 


Viele tausend Menschen säumten die
Straßen Weilburgs, als der Vertreter
des Kaiserhauses, Prinz Eitel Friedrich,
vom Bahnhof mit der Kutsch zur Schloß-
kirche fuhr.

Für den Prinzen und sein Gefolge hatte Stadtverordnetenvorsteher Mischka seine Villa in der Frankfurter Straße zur Verfügung gestellt. Nicht vergessen habe ich den Augenblick, als der Prinz sich in das goldene Buch der Stadt eintrug. Ich schaue gespannt zu, als er die Feder ansetzte, um seinen Namen zu schreiben. Da geschah es: Er machte einen dicken Tintenklecks. Mir verschlug es fast den Atem, daß ein Prinz auch Kleckse macht. Lustig war auch, daß der Landrat in der Aufregung seinen Degen verlor, peinlich, daß die Tür zum Schloßgarten (Gebück) am Ahäuser Weg verschlossen war, als der Prinz die Ruderboote auf der Lahn begutachten wollte.”

 

Immer wenn der Mann mit dem Posthorn in die Ortschaften oder die Höfe einfuhr,
war die Spannung groß: Wer hat geschrieben, die Tante aus Limburg, der Sohn aus
Frankfurt oder gar der Onkel aus Amerika? Nicht hoch genug kann deshalb die
Arbeit der treuen Postillons bewertet werden, die unermüdlich bei Wind und Wetter,
Regen und Sonnenschein die Menschen in unserer Heimat mit Post versorgten.
Besonders gut ausgestattet war in dieser Zeit das Postamt Kirberg: Dem Photographen
stellten sich (von links): ein Eleve, Postbote August Menges, Postillon Karl Koch,
Postverwalter Thomae mit Frau (am Fenster), Fahrender Postbote Theodor Deußer
mit Pferd “Fanni” und Postbote Hermann Oppermann.

 

 

 

Weltchronik 1906

  • Die Labour Party zieht erstmalig als dritte Partei neben den Konservativen und Liberalen ins Unterhaus ein.
  • Aufhebung des Fehlurteils gegen den französischen Hauptmann Dreyfus, der 1894 wegen Landesverrats auf die Teufelsinsel verbannt woden war.
  • Zweijährige Militärdienstpflicht und Steuererhöhungen in Deutschland.
  • Der Schuhmacher Wilhelm Voigt gibt sich als “Hauptmann von Köpenick” aus und beschlagnahmt die dortige Stadtkasse.
  • Internationales Nachtarbeitsverbot für Frauen.
  • Der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt erhält den Friedensnobelpreis.
  • San Fancisco wird durch ein Erdbeben und ein Großfeuer vernichtet (Bild).
  • Fertigstellung des Simplon-Tunnels (19.823 m).
  • Paul Lincke komponiert den Schlager “Berliner Luft”.
  • + Pierre Curie, fanzösischer Physiker, verstirbt.
  • + Henrik Ibsen, norwegischer Dramatiker, verstirbt

 

 

 

 

1907

 

Neue Glocken für den Dom in Limburg

Nachdem am 30. Oktober 1907 die alten Glocken im Limburger Dom zum letzten Mal geläutet hatten, wurden die sechs neuen, die aus der Glockengießerei Petit & Gebrüder Edelbrock in Gescher (Westfalen) stammten, am 26. Dezember 1907, dem Tag des heiligen Stephanus, geweiht. Neben Bischof Dominikus Willi wohnten auch Abordnungen der Limburger Vereine sowie die Bevölkerung der Zeremonie bei.
Jeder Glocke wurden zwei Paten zugewiesen, um die Verbundenheit mit der Pfarrkirche zu dokumentieren. Die Glocken hatten folgende Namen und Paten:
St. Georg - Bürgermeister Haerten und Frau Kauter; St. Salvator - Commerzienrat P. P. Cahensly und Frau Grandprè; St. Marien - Dr. J. Wolff und Frau Flügel; St. Joseph - Justizrat Rintelen und Frau Busch; St. Nicolaus - Hotelbesitzer J. B. Hilf und Frau Fachinger; St. Bernardus - Justizrat Rintelen und Frau Heppel.
Das Glockengeläute ertönte in a c d e g und a.


Bischof Dominikus Willi bei der feierlichen Weihe der Domglocken. Rechts
von der Georgsglocke sieht man die Paten Frau Kauter und Bürgermeister
Haerten.

 

 

Der Polizeibericht im Jahre 1907
Eine lästige Ausländerin ausgewiesen ...”

Die Weilburger Polizei gab für das Jahr 1907 zu Protokoll: “Zur Anzeige kamen 25 Personen wegen Verbrechen und Vergehen, 320 Personen wegen Übertretung. Wegen Landsteichens und Bettelns wurden sechs Personen, wegen Verbrechen und Vergehen 5, auf Grund erlassener Steckbriefe 8 und infolge Haftbefehls 2 Personen festgenommen und dem Gericht bzw. in verschiedene Strafanstalten eingeliefert. Ferner wurden 2 entlaufene Fürsorgezöglinge hier aufgegriffen und an die betreffende Besserungsanstalt abgeliefert. Eine Person mußte als lästige Ausländerin ausgewiesen werden.
Im Berichtsjahre kamen nur einige geringfügige Unfälle vor. Eine Person beging Selbstmord. In Polizeigewahrsam befanden sich 30 Personen mit 10 Pflegetagen. 66 Radfahrkarten wurden ausgestellt.
Nach dem Eintritt des Hilfspolizei-Sergeanten Otto wurde vom 1. Dezember 1907 ab der Nachtwachkontrolldienst durchgeführt, wonach jede 3. Nacht einer der drei Polizeibeamten die Kontrolle der Nachtwächter ausübt . . .”

Robert Büchling, vorher Landrat im Oberwesterwaldkreis,
wurde Nachfolger von Wilhelm Rabe und hatte von 1905
bis 1919 das Amt des Landrats in Limburg inne. Er ging
dann als Regierungspräsident nach Liegnitz in Niederschlesien.

 

 

 

Weltchronik 1907

  • Die Sozialistische Internationale beschließt, den drohenden Krieg auszunutzen, um den Kapitalismus zu beseitigen.
  • In Österreich wird das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt. Ungarn bleibt davon ausgeschlossen.
  • Rasputin, der “heilige Teufel”, findet Zugang zum Zarenhof.
  • Luise, Königin von Sachsen, läßt sich scheiden, um den bürgerlichen Musiker Enrico Toselli zu heiraten.
  • Maria Montessori richtet das erste Kinderhaus für 3 - bis 6jährige Arbeiterkinder ein.
  • Bei Heidelberg werden die Reste eines vorgeschichtlichen Menschen gefunden.
  • R. Kipling erhält den Literatur-Nobelpreis.
  • Edison entwickelt den Betonguß.
  • Henri Farman gelingt Motorflug über 770 m in 52 Sekunden.
  • Gustav V. wird König von Schweden (bis 1950).
  • Niederwerfung des Herero-Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika.
  • Der Offsetdruck kommt aus den USA nach Deutschland.
  • + Edvard Grieg, norwegischer Komponist, verstirbt.

 

 

 

 

1908

 

Basalt - das Gold des Westerwaldes

Der begehrte Rohstoff Basalt, von vielen als das “Gold” des Westerwaldes bezeichnet, entstand vor Jahrhunderten, als er glutflüssig das Innere der Erde füllte. Als die Materie die Erdhülle durchbrach, erstarrte er zu gewaltigen Säulen und Platten. Man unterscheidet dabei den Säulen-, Platten- oder Blockbasalt.
Wie Orgelpfeifen ragten die kerzengeraden, regelmäßig fünf- bis sechsseitigen, 25 cm bis über 50 cm dicken Säulen, jede bis zu 5 bzw. 10 m lang, nicht selten 3 und mehr Stockwerke übereinander stehend.
Abraumarbeiter entfernten den Dreck von den Säulenköpfen, und mit Hacke und Schaufel, Pickel und Brecheisen rückten die Arbeiter dem gefragten Rohstoff zu Leibe.
Das beste Material wanderte von der Bruchsole in Loren zu den Steinrichtern, auch “Kipper” genannt, wo es mit treffsicheren Schlägen zu Pflastersteinen zugerichtet wurde. Die pyramidenförmigen Holzbuden der Kipper standen überall im Steinbruch.


Die Arbeiter des Steinbruchs Wilsenroth haben sich vor den wie Orgelpfeifen
emporragenden Säulen versammelt. Vorne links sitzt Karl Kiefer.

 


An einem Bauernfest in Camberg im Jahre 1908 nahm auch dieser Dauborner
Wagen mit den alten Daubornern Trachten teil.
Die Teilnehmer waren: Reiter: Hermann Höhler, Karl Knapp, (Eufinger Mühle),
Philipp Hermann Wenz.
Im Wagen stehend: Ida Pfeiffer, Wilhelm Buderus (Polizei-Diener), Ida Schuler,
Hermann Pfeiffer (Gärtner).
Im Wagen sitzend: Henriette Buderus, Henriette Wassem, Reinhold Wagner,
Hilda Becker, Albert Hepp, Albert August Wagner, Emma Höhler.
Vorne sitzend: Albert Pfeiffer, Adolf Schäfer (Germania-Wirt).

 

 

 

Weltchronik 1908

  • Durch das deutsche Flottengesetz von Admiral Alfred von Tirpitz wird Deutschland zur zweitstärksten Seemacht.
  • Kaiser Wilhelm II. wird vom Deutschen Reichstag und Bundestag wegen mangelnder Zurückhaltung in außenpolitischen Fragen getadelt (Daily-Telegraph-Interview).
  • Messina auf Sizilien wird durch ein Erdbeben zerstört, wobei 75.000 Opfer zu beklagen sind (Bild)
  • Österreich-Ungarn verleibt sich Bosnien und Herzegowina ein.
  • Kreta wird mit Griechenland vereinigt.
  • Sven Hedin entdeckt bei seinen Forschungen in Persien und Tibet das Transhimalaya-Gebirge.
  • R. Eucken erhält den Literatur-Nobelpreis.
  • In Palästina wird die erste zionistische Kolonie angelegt.
  • IV. Olympische Spiele in London.
  • + Wilhelm Busch, deutscher Humorist, verstirbt.
  • + Nikolai Rimskij-Korsakow, russischer Komponist, verstirbt.

 

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