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1909
Mit der Bahn nach Usingen
Am 29. Mai fand die Eröffnungsfeier und im Anschluß daran am 1. Juni die Eröffnung der Neubau-Eisenbahnstrecke Weilmünster - Usingen statt. Herr Beigeordneter Erlenbach wohnte der Feier als Vertreter der Stadt bei. Hierdurch ist endlich die erstrebte Verbindung unserer Stadt mit Homburg v. d. Höhe und Frankfurt a. M. geschaffen worden. Doch läßt der Durchgangsverkehr sehr zu wünschen übrig, weil die Fahrzeit eine unverhältnismäßig lange ist und die Zugverbindungen nicht allzu günstig sind. In letzterer Beziehung ist auf unseren Antrag im Verein mit der Handelskammer zu Limburg eine Besserung erzielt worden. (Aus dem Jahresbericht der Stadtverwaltung Weilburg.)
Erster Zug Usingen - Weilburg auf dem Bahnhof in Weilmünster.
Fremdenverkehr im Jahre 1909
“Im Laufe des Sommers war der Reise- und Touristenverkehr in unserer Stadt ein sehr lebhafter. Von den zahlreichen Automobilfahrten nach Weilburg zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten sind besonders diejenigen der Frau Prinzessin Auguste Wilhelm von Preußen von Homburg aus und des Prinzen Friedrich Karl von Hessen von Schloß Friedrichshof aus zu nennen. Am Himmelfahrtstage machten, wie gewöhnlich an diesem Tage, mehrere Gießener und Marburger Studenten-Verbindungen Ausflüge hierher. Weiter besuchten unsere Stadt die Professoren der Universität Gießen mit ihren Damen, die Richter des Landgerichtsbezirks mit ihren Damen, der Gießener Eisenbahn-Verein an zwei Sonntagen in Stärke von 2.000 Personen, der Turnverein Butzbach, der Radfahrverein Neuisenburg, die Kegelklubs von Elberfeld und Düsseldorf, der Gesangsverein aus Limburg, der Altertumsverein aus Hadamar u. a. . . .” (Aus dem Jahresbericht der Stadtverwaltung Weilburg.)
“Ein herrliches patriotisches Fest”
“Auf Anregung des Kriegervereins hatten sich hiesige Vereine zusammengetan, um eine Erinnerungsfeier an die 1900jährige Wiederkehr der Schlacht im Teutoburger Walde in Verbindung mit der Sedansfeier zu veranstalten. Dieses Fest wurde am Sonntag, den 29. August auf dem Schießhausplatz abgehalten und entwickelte sich zu einem allgemeinen Volksfeste. Unter den Klängen der Gymnasialkapelle und der Musik des 88. Infantrie-Regiments bewegte sich ein stattlicher Festzug enthaltend die verschiedenen Schulen, die städtischen Vereine, Vertreter der städtischen Körperschaften und eine große Anzahl Kriegervereine nach dem Schießhausplatz, wo Professor Dr. Euler die Festteilnehmer begrüßte und dann eine ganz vortreffliche Festrede hielt, in der er einen geschichtlichen Überblick über die beiden Gedenktage gab. Die hiesigen Gesangsvereine verherrlichten die Feier durch Vortrag mehrerer patriotischer Massenchöre, die allgemein Beifall fanden. Das Fest war auch von den in der Umgebung von Weilburg einquartierten Offizieren und Mannschaften einzelner Regimenter stark besucht. Durch einen imposanten Fackelzug der Festteilnehmer vom Festplatz zur Stadt fand das patriotische Fest einen würdigen Abschluß.” (Aus dem Jahresbericht der Stadtverwaltung Weilburg.)
Weltchronik 1909
Reichskanzler Fürst Bernhard von Bülow tritt zurück. Theobald von Bethmann-Hollweg wird sein Nachfolger (Bild).
Reichsbanknoten werden gesetzliches Zahlungsmittel in Deutschland.
William Howard Taft wird Präsident der USA (bis 1913).
Robert Edwin Peary, amerikanischer Polarforscher, erreicht als erster den Nordpol.
In Frankreich werden Film-Wochenschauen vorgeführt.
Einer der ersten Kunststoffe (“Bakalit”) erscheint auf dem Markt.
Louis Blériot überfliegt als erster den Ärmelkanal (Bild).

1910
Die letzte Postkutschenfahrt von Weilburg nach Mengerskirchen
Die Zeiten, in denen bei uns die Menschen mit der Postkutsche befördert wurden, sind seit 1910 vorbei. Denn Ende Juni wurde die letzte Postkutschenlinie im heimischen Raum, Weilburg - Mengerskirchen, endgültig eingestellt. Der Abschied verlief jedoch nicht sang- und klanglos, sondern wurde mit einer Sonderfahrt vom Westerwald in den Hof des Weilburger Postamtes verbunden, wo sich die Kutscher und Postbediensteten zu einem Erinnerungsfoto vor der Kutsche aufstellten. Nostalgie schon in der guten alten Zeit.
Für Mengerskirchen und andere Westerwaldorte bestand jahrelang keine direkte Verbindung mehr zur Kreisstadt, bis erst in den zwanziger Jahren der Buslinienverkehr auf dieser Strecke aufgenommen wurde. Ab 1. Juli 1910 wurde die Post über Limburg mit der Kerkerbachbahn auf den Westerwald befördert. In dem Zug war ein Postabteil eingerichtet, in dem die Fahrgäste Pakete und Briefe aufgeben oder Briefmarken kaufen konnten.
Erinnerungsfoto anläßlich der letzten Personenpostfahrt mit der Kutsche zwischen Weilburg und Mengerskirchen am 30. Juni 1910, aufgenommen im Hof des Post- amtes. Auf der Veranda die Familie des Postdirektors Georg Bracht.
Daß Limburger malter Korn hat gegolten 6 bis siben Daller ...
“Im Jahre 1910 wurde die Kirche hierselbst abgerissen und neu erbaut. Der Turm, ein Baudenkmal aus romanischer Zeit, wurde pietätvoll erhalten, nur schadhafte Stellen besserte man aus, so die Bogen und und oberen Mauerdreiecke der 4 Turmseiten, die ehedem aus Kalktuff hergestellt waren, führte man nun in Schalstein auf. Die alte Bauform wurde streng gewahrt. . .” So steht es in einer Urkunde, die anläßlich der Umbau- und Restaurierungsarbeiten an dem alten Gotteshaus (Kosten 28.000 Mark) in die alte Kuppel an der Kirchturmspitze gelegt wurde, als Dokument für die Nachwelt. In der Kuppel hatten die Handwerker selbst eine interessante Urkunde gefunden mit folgendem Text: “Anno 1709 ist die Jahresrechnung dieser Zeit gewesen, ist ein teuer Zeit weh und Kriegesgeschrey. Daß Limburger malter Korn hat golten 6 bis siben Daller, daß malter Gerst 4 bis 5 und triber...” Ein an der Westseite des Turmes eingemauerter und stark verkohlter Balken läßt vermuten, daß 1709 das Kirchenschiff abgebrannt war und wiederaufgebaut wurde, während der aus dem frühen Mittelalter stammende Turm - das Wahrzeichen von Weyer - durch das Feuer wenig gelitten hatte. Auch über ihre soziale Lage wollten die Handwerksleute im Jahre 1910 späteren Generationen Zeugnis geben: “Nach langer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs hob sich mit diesem Jahre die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Da setzte im April 1910 die Aussperrung der Bauhandwerker ein von seiten des Arbeitgeberverbandes. Hunderttausende von fleißigen Händen müssen ruhen, Millionen gehen dem Volksvermögen verloren. Möge Einsicht und ein guter Geist bald Frieden schaffen.”
Kirchenbau in Weyer 1910. Das Dorf hatte zu der Zeit 802 Einwohner in 185 Häusern. Seit vier Jahren gab es hier elektrisches Licht.
Weilburg in der Weltpresse: Der Zeppelin strandet am Webersberg
Am 25. April 1910 ging der Name Weilburg durch die gesamte Weltpresse. Am Webersberg war das Zeppelin-Luftschiff Z II zerschellt. Es hatte sich bei orkanartigem Sturm in der Nähe von Limburg losgerissen und war unbemannt bis nach Weilburg getrieben worden. Das erste Luftschiff des Grafen Ferdinand von Zeppelin, später allgemein “verrückter Graf” genannt, ging im Jahr 1900 in die Lüfte und gehorchte zum Erstaunen der Fachwelt sogar den Steuervorrichtungen. Nach vielen Mißerfolgen und nachdem das deutsche Volk sechs Millionen Mark gespendet hatte, damit der Graf sein Lebenswerk fortsetzen konnte, befahl der Kaiser für den 22. April eine Luftschiffparade. Unter den Luftschiffen, deren militärischen Wert man inzwischen schätzengelernt hatte, befand sich auch “Z II” unter der Führung von Hauptmann von Jena. Wegen des schlechten Wetters wurde das Unternehmen ziemlich schwierig. Der Rückflug wurde auf den 24. April verschoben. “Z II” landete um 14 Uhr im Hof Blumenrod südlich von Limburg, um Gas nachzufüllen und eine Wetterbesserung abzuwarten. Dieser Aufenthalt sollte schlimme Folgen haben. Wäre Hauptmann von Jena am 23. zum Rückflug gestartet, wäre alles nach Plan verlaufen. Denn am Nachmittag dieses Tages flaute der Wind ab. Der 25. April: Das Luftschiff war an langen Stahltauen mit einem Leiterwagen verbunden, der eingegraben wurde. Die Gondel war führerlos. Soldaten des Infantrie-Bataillons Diez hielten
Der Zeppelin am Hof Blumenrod bei Limburg, zwanzig Minuten vor dem Unglück.
zusätzlich Seile in den Händen, um den in den Böen springenden Zeppelin zu sichern. Um 13 Uhr zerriß ein orkanariger Windstoß die Taue. Die Soldaten mußten loslassen, und das Luftschiff sauste in östlicher Richtung in die Höhe. Um 13.10 Uhr wurde das Luftschiff über Weilburg gesichtet. Alles stürzte auf die Straßen und suchte einen günstigen Beobachtungspunkt. Die Metzger hatten noch die Schlachtermesser in der Hand, die Friseure die Scheren, die Hausfrauen die Küchenschürze umgebunden. Aber man verstand nicht,
Nach der Strandung ragre die Nase des Luftschiffes in die Luft. Es war nichts mehr zu retten.
warum kein Motorengeräusch zur hören war. Dann ging alles ganz rasch: Vor der Guntersau sank das Luftschiff rasch fast bis auf den Lahnspiegel, hob sich dann wieder etwas, wurde von einem Windstoß über den Bahndamm getrieben und auf die Bäume unterhalb des damaligen Kurhotels Webersberg gedrückt. Den Zuschauern stockte der Atem - dann aber rannte alles, was laufen konnte, an die Unglücksstätte. Daß keine Menschen zu Schaden kamen - unmittelbar vor dem Absturz kam noch ein Personenzug vorbei - war fast ein Wunder. Ein schwunghafter Andenkenhandel setzte ein. Jeder wollte ein Stück Aluminium oder Ballonhaut ergattern. Als dann die Diezer Soldaten im Hotel einquartiert wurden, war das Wrack bewacht, und niemand konnte mehr heran. Die Soldaten aber machten aus ihrem Dienst ein Geschäft und verschacherten so manches Stück. In Weilburg war es damals Mode, ein Kleidungsstück zu tragen, das aus der seidenartigen Haut des Ballons geschneidert war.
Wie ein großer Drache lag “Z II” zu Füßen des Hotels “Webersberg”.
Aber Graf Zeppelin gab nicht auf. 1929 wurde ein Flug rund um den Erball organisiert und 1930 eine Polarfahrt. Erst mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte das Flugzeug den Zeppelin überrundet. Das Ende der Luftschiffahrt hat der Graf nicht mehr erlebt. Er starb 1917 in Charlottenburg.
Weltchronik 1910
Friedensnobelpreis an das Internationale Friedensbüro in Bern.
Theatermuseum in München eröffnet.
Zar Nikolaus II. in Potsdam; Abkommen zwischen Deutschland und Rußland; beide Mächte wollen sich feindlicher Bündnispolitik einhalten.
Konflikt zwischen britischem Unter- und Oberhaus führt zu zweimaliger Wahl und Stärkung der Liberalen und der Laour-Party.
Italien beschließt Schaffung einer Luftschiff-Flotte.
Amerikanischer Versuch eines Ozeanfluges mit Luftschiff scheitert.
Höchste Normalbahn Europas über den Berninapaß.
L. Moß unterscheidet die vier menschlichen Blutgruppen.
Frauenmode: Sehr große Hüte, fußfreie Röcke.
Höchstziffer von 13 Millionen ausgefallenen Arbeitstagen durch Aussperrungen.
Beginn der Chemotherapie mit Salvarsan zur Syphilisbekämpfung.
Harnack erster Präsident der anläßlich der 100-Jahr-Feier der Universität Berlin gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.
Die Südafrikanische Union wird britisches Dominion.
Japan annektiert Korea.
König Eduard VII. von Großbritannien stirbt. Nachfolger wird Georg V.
Erste Kleinepidemien an Kinderlähmung in England.
Briand schreitet gegen französischen Eisenbahnsteik ein.
In Portugal wird die Monarchie gestürzt.
Ferdinand Porsche gewinnt auf einem Austro-Daimler die Prinz-Heinrich-Fahrt (Bild).

Internationales Pariser Abkommen zur Bekämpfung unzüchtiger Bilder und Schriften.
China schafft die Sklaverei ab.
Die Manhattan-Brücke in New York wird fertiggestellt.
Claude erfindet das Neonlicht.
In Deutschland beginnen Körperschaften des öffentlichen Rechts Lebensversicherungen zu betreiben.
Erster Dieselmotor bei Kraftwagen.
Einrichtungen deutscher Jugendherbergen.
Chemienobelpreis für den Deutschen Otto Wallach für Erforschung der ätherischen Öle.
Medizinnobelpreis an den Deutschen Albrecht Kossel für Erforschung des Zell-Eiweißes.
Brüsseler Abkommen über Hilfeleistung in Seenot.
Feininger beginnt mit seinem kubistisch-expressionistischen Stil hervorzutreten.
Pan-American-Union in Washington gegründet.
+ Leon N. Tolstoij, russischer Schriftsteller, verstirbt.
+ Henry Durante, Gründer des Roten Kreuzes, verstirbt.
+ Friedrich von Bodelschwingh, evangelischer Pfarrer, verstirbt.
+ Florence Nightingale, englische Krankenpflegerin, verstirbt.
+ Mark Twain, amerikanischer Schriftsteller, verstirbt.
+ Wilhelm Raabe, deutscher Schriftsteller, verstirbt.
+ Robert Koch, deutscher Arzt und Bakterienforscher, verstirbt.
1911
Sonntags in der Guntersau
Wenn sonntags nach dem Mittagessen die Weilburger Familien zu dem traditionellen Spaziergang aufbrachen, dann hieß an schönen Tagen das Ziel oft die Guntersau. Hier hatte Wilhelm Görtz um 1860 ein Gasthaus bebaut, das seitdem bis zum heutigen Tage ein beliebtes Lokal ist. (Später übernahm Görtz das Hotel Traube in der Stadt.) Die Weilburger wanderten über den Gänsberg in die Guntersau und gingen später entlang dem Leinpfad an der Lahn nach Hause. Die Spezialität des Hauses war Berliner Weiße mit Schuß. Auf der anderen Seite der Weilstraße befand sich eine Terrasse, wo die Gäste im Sommer saßen und Konzerte stattfanden. Für Kinder waren Schaukeln aufgestellt. Die Eltern brauchten keine Angst vor Unfällen zu haben, wenn die Kinder über die Straße liefen, denn wann kam schon einmal ein Auto vorbei. Die Gründung der Gastwirtschaft, die heute noch betrieben wird - die italienische Küche läßt jetzt aber eher Urlaubserinnerungen als Gedanken an das Nassau von früher aufkommen - geht auf die Erzverladung zurück. Eine Grubenbahn führte vom Erbstollen in die Guntersau und dort quer über die Weilstraße zum Bahnhof. Beim Überqueren der Straße sprang ein Zugbegleiter ab und sperrte, mit einer roten Fahne winkend, die Kreuzung für Pferdekutschen oder Autos.
Die Sommerfrische Guntersau im Jahre 1911.
Das sind die Männer, die am Bau der Grävenecker Brücke beteiligt waren. Die Brücke wurde in den Jahren 1911 bis 1913 fertiggestellt. Sie hat eine Bauweise wie die Brücke bei Ahausen, die etwa zur gleichen Zeit entstand. Am 1. Oktober 1912 wurde auch der Bahnhof Gräveneck in Betrieb genommen. Damit wurde den Bewohnern von Falkenbach und Wirbelau die Möglichkeit gegeben, in Wetzlar, Limburg und Weilburg als Optiker, Schlosser, Mechaniker, Former und in anderen Berufen ihr tägliches Brot zu verdienen.
Weltchronik 1911
Das englische Unterhaus führt Diäten ein. Jedes Mitglied des Unterhauses erhält 400 Pfund im Jahr.
Alfred von Tirpitz wird Großadmiral.
Durch Entsendung des deutschen Kanonanbootes “Panther” nach Agadir wird die zweite Marokkokrise ausgelöst.
Revolution in China: Abdankung der Mandschu-Dynastie.
Der englische Schwimmer Burgess aus Yorkshire durchschwimmt den Ärmelkanal zwischen Calais und Dover (35 km) in 22 Stunden und 35 Minuten.
Uraufführung: “Jedermann” von Hugo von Hofmannsthal in Berlin.
Roald Amundsen, norwegischer Polarforscher, erreicht am 14.12. als erster den Südpol (Bild).

Fernflug München - Berlin von Hirth und Garros mit Rekordflughöhe von 3.900 m.
+ Konrad Duden, deutscher Philologe verstirb.
+ Gustav Mahler, österreichischer Komponist und Dirigent, verstirbt.
+Joseph Pulitzer, amerikanischer Verleger, verstirbt.
1912
Großherzog Wilhelm stirbt nach langer Krankheit
Im Alter von sechzig Jahren starb am 25. Februar 1912 Großherzog Wilhelm von Luxemburg nach langer Krankheit. Zuerst vorläufig in Luxemburg beigesetzt, wurde er fünf Monate später nach Weilburg überführt und dort am 25. Juli in der Schloßkirche zu Grabe getragen. Der Sohn von Großherzog Adolph, dem letzten nassauischen Herrscher, regierte nur sieben Jahre das Großherzogtum. Der Tod kam als Erlöser nach Jahren der Qual, die dem Fürsten kein schweres Leiden erspart hatten. Es hatte ihn nach und nach taub und blind gemacht, der Sprache und der Bewegung seiner Glieder beraubt und seinen Geist umnachtet.
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Die Mitglieder des Kirchenchors St. Peter und Paul in Villmar zeigen sich stolz mit ihrer Fahne anläßlich des 75jährigen Bestehens des Chores. Von links nach rechts: Caspari, Istel, Kaplan Ludger Hartmann, Dirigent Adam Kohlbeck, Pfarrer Wilhelm Schmidt, stehend: u. a. Heinrich Brahm, Simon Schermuly, Heinrich Keßler, Wilhelm Faxel, Peter Brahm, Johann Falk, Martin Behr, Adam Müller, Johann Müller, Josef Müller, Heinrich Gaul.
Weltchronik 1912
Flottenverhandlungen zwischen Berlin und London scheitern erneut.
Im 1. Balkankrieg (bis 1913) besiegen Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro die Türkei.
Erster Fallschirmsprung von einem Flugzeug.
Der Passagierdampfer “Titanic” sinkt am 14. April im Nordatlantik nach einem Zusammenstoß mit einem Eisberg (Foto).

China wird Republik.
Zwischen Frankfurt (Main) und Worms verkehrt die erste deutsche Luftpost.
Der Deutsche Gerhart Hauptmann erhält den Literatur-Nobelpreis.
Robert F. Scott, englischer Polarforscher, erreicht 4 Wochen nach Amundsen den Südpol. Er und seine Begleiter erliegen auf dem Rückweg den Strapazen.
“Die Biene Maja” von Waldmar Bonsels erscheint.
+ Karl May, deutscher Schriftsteller verstirbt.
+ August Strindberg, schwedischer Dichter, verstirbt.
1913
Ahäuser Brückengeschichten
Mit der Inbetriebnahme der Lahnbahn 1862 begann auch eine Blütezeit für den Bergbau, war das Eisenerz doch jetzt schneller und billiger zu den Hochöfen der Industriezentren zu transportieren. Um den Eisenstein aus den Revieren in Ahausen, Selters, Drommershausen und Hirschhausen am Weilburger Bahnhof verladen zu können, wurde deshalb 1864 eine Brücke über die Lahn in Höhe der Walderbachmündung oberhalb des jetzigen Güterbahnhofes geschlagen. Über diesen Eisernen Steg brachten Pferdefuhrwerke das Erz von den Gruben zur Zugverladestelle. Für größere Fahrzeuge und Transporte war die Konstruktion aber nicht stabil genug, und so entschloß man sich, in den Jahren 1911 und 1912 nahe bei Ahausen eine acht Meter breite Brücke mit einer Gesamtspannweite von 94 Metern und einem Spannbogen von 57 Metern zu errichten. Sie erhielt neben der Fahrstraße einen Fußgängerweg und ein Bahngleis. Am 26. August 1912 konnten die Weilburger lesen: “Vorige Woche fand die Belastungsprobe der neuen Brücke statt. Die Eisenbahnverwaltung hatte zu diesem Zwecke 80.000 Kilo Eisenbahnschienen herbeigeschafft, zu deren Fortbewegung 3 Eisenbahnwagen mit 35.000, 30.000 und 15.000 Kilo nötig waren. Die Schienen wurden von dem Spediteur Meurer in vielen Fuhren auf die Brücke gebracht, und dann wurde dieselbe mit einer 14.000 Kilo schweren Straßendampfwalze befahren. Die neue Brücke hat die Feuerprobe gut überstanden. Wohl nie in der Wirklichkeit wird es vorkommen, daß sie eine solche Belastung auszuhalten hat, war doch der Quadratmeter mit 500 Kilo beladen. Trotzdem zeigten die Meßinstrumente keinen Unterschied zwischen der freien und der belasteten Brücke.” Am Tag, als der Ami kam, am 27. März 1945, wurde die Ahäuser Brücke im Zusammenhang mit der Steinernen Brücke in Weilburg gesprengt. Mitte 1948 waren die Trümmer beseitigt und ein Jahr später die Brücke weitgehend nach den alten Plänen wiedererbaut. Für das Geländer wurde aber statt Beton Eisen verwendet. Bis in die fünfziger Jahre lagen weiterhin Bahngleise auf der Brücke. Inzwischen sind ihre Tage gezählt. Die Tragfähigkeit hat nachgelassen, und schwere Lastzüge dürfen nicht mehr darüberfahren. Deshalb soll eine neue Brücke - etwas flußaufwärts verlegt - gebaut werden.
 Kahnpartie an der ersten Ahäuser Brücke, über die Pferdefuhrwerke, die Eisenerz zum Weilburger Bahnhof brachten, rollen.
 1913 richtete der 1905 gegründete Weilburger Ruderverein die VII. Lahn- Verbands-Regatta aus. Start war am Löhnberger Wehr, das Ziel 250 Meter hinter der neu erbauten Ahäuser Bücke, auf der sich wegen des guten Über- blicks, viele hundert Zuschauer versammelt hatten.
Weltchronik 1913
Gründung des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Amsterdam.
Friedrich Ebert wird nach dem Tode August Bebels Vorsitzender der SPD.
Aus einem Streit der Sieger des 1. Balkankrieges entsteht der 2. Balkankrieg.
Deutschland verstärkt sein Heer, und Frankreich erhöht die Dienstpflicht auf 3 Jahre.
Hans Geiger baut einen Zähler für radioaktive Strahlung.
Woodrow Wilson wird Präsident der USA.
Gründung der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG).
In den USA verdienen 2% der Amerikaner 60% des Volkseinkommens; Morgan und Rockefeller kontrollieren 20% des Volksvermögens (341 Großunternehmungen mit 22 Milliarden Dollar Kapital).
Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig vollendet.
Albert Schweitzer geht als evangelischer Missionar nach Lambarene.
In New York wird der größte Bahnhof der Welt eingeweiht.
Friedrich Bergius schließt die Entwicklung des Hochdruckverfahrens zur Kohleverflüssigung ab.
+ Rudolf Diesel, deutscher Erfinder, verstirbt. (Ertrunken im Ärmelkanal)
+ Karl Hagenbeck, deutscher Tierparkgründer, verstirbt.
1914
Mobil für den Krieg
Bei Kriegsausbruch 1914 herrschte auch im heimischen Raum große Begeisterung. Die Ernüchterung setzte ein, als der Krieg nicht, wie erwartet, bereits nach kurzer Zeit beendet war, sondern über vier Jahre lang andauerte, und die “Verlustlisten”, die damals kursierten, immer länger wurden. 285 Soldaten aus Limburg fielen im Verlauf der Kampfhandlungen. Anfang August 1914, als die Mobilmachung die Reservisten zu den Fahnen rief, entstanden auch in Limburg Fotos, die Soldaten zeigen, die im “Ausbruch nationaler Gefühle” in den Krieg ziehen.
Soldaten marschieren über die Lahnbrücke in Limburg.
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Das Bild dürfte im August oder September 1914 entstanden sein, als die Anfangserfolge der deutschen Truppen von der Redaktion des Weilburger Anzeigers, der in der Buchdruckerei Kremer in der Schwanengasse gedruckt wurde, durch Extrablätter bekanntgegeben wurden. Diese wurden am Schwarzen Brett angeschlagen, vor dem einige Leute lesend stehen, oder auch verteilt. Die Gymnasiasten, kenntlich an den Schülermützen, kommen vom benachbarten Gymnasium. Ein Junge hat, kriegsbegeistert wie man doch noch war, eine Soldatenmütze auf. Im Haus oberhalb der Druckerei Kramer war die Spenglerei von Louis, später Gustav Lehr, an der anderen Ecke des Hundtgäßchens die Bäckerei von Friedrich Schlicht. Gegenüber der Druckerei sieht man das Schild des Kürschners Adolf Lehmann (später Marktsraße); daneben war das Manufakturwarengeschäft von August Meyer. An der Ecke der Schulgasse kann man das Schild des Kappenmachers Georg Quint erkennen, dessen Häuschen jetzt verschwunden ist. Ganz in Hintergrund ist ein Teil des Schildes vom “Weilburger Hof” zu sehen.
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Mit dem Sturmgepäck haben die Soldaten Aufstellung genommen und warten auf die Befehle des Kommandanten.
Vor dem Einzug in den Krieg haben sich die Soldaten auf dem Bahnsteig des Limburger Bahnhofs versammelt.
Dieses Bild entstand vor der Feuerwache in Limburg.
Gefangenentransport der Belgischen Kavallerie.
Weltchronik 1914
Deutschland verletzt beim Einmarsch in Frankreich die belgische Neutralität, woraufhin Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt.
Stark steigende Lebensmittelpreise führen in Deutschland zu Käuferschlangen vor den “Freibanken”.
Bayern gibt eine eigene Briefmarke mit dem Porträt des bayrischen Königs heraus.
Benedict XV. wird nach dem Tode von Pius X. neuer Papst (bis 1922).
Der Fernsprechverkehr zwischen New York und San Francisco (4.500 km) wird aufgenommen.
Amerikas Automobilkönig Henry Ford führt die Fließbandarbeit und den 8-Stunden-Arbeitstag ein und beteiligt die Arbeiter am Gewinn (Bild).

Eröffnung des Panamakanals.
Mit Graf Zeppelin am Ruder stellt das Luftschiff mit 3.065 m einen Höhenrekord auf.
Die olympischen Ringe werden zum Sinnbild der im Gedanken der Olympischen Spiele geeinten fünf Erdteile.
Erzherzog Franz Ferdinand, österreichischer Thronfolger, und seine Gattin Sophie werden am 28.6. in Sarajewo ermordet. Am 23.7. richtet Österreich-Ungarn ein Ultimatum an Serbien und erklärt diesem am 28.7. den Krieg. Es folgen die Mobilmachung Rußlands, Deutschlands und Frankreichs und die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland und Frankreich. (Bild: In Berlin “Unter den Linden” verliest Oberleutnant Viebahn die Kriegserklärungen.)

Schweres Schiffsunglück auf dem St.-Lorenz-Strom in Kanada: über 700 Tote.
Max von Laue, deutscher Professor an der Universität Frankfurt, erhält den Nobelpreis für Physik.
Albanien wird selbständiges Königreich.
+ Paul Heyse, deutscher Schriftsteller, verstirbt.
+ Christian Morgenstern, deutscher Schriftsteller verstirbt.
+ Hermann Löns, deutscher Schriftsteller, verstirbt.
+ August Macke, deutscher Maler, fällt in der Champagne.
1915
Auch in Löhnberg: Keiner spinnt mehr - dafür ist Stricken wieder modern
Nichts ist beständig. Auch die schöne alte Sitte der Spinn-, Kunkel- oder Rockenstube, die ehemals im ganzen Land Nassau in hoher Blüte stand, hat sich überlebt. Als der naussauische Bauer noch Hanf und Flachs säte und erntete, spann seine Frau mit den Töchtern und Mägden während der langen Winterabende das Garn für den Hausbedarf selbst. Es war ihr größter Stolz, wenn oben an der Stubendecke am Haken die Stränge gesponnenen Garnes zu einem recht dicken Klumpen anwuchsen. Der Haken war nahe gegen das Stubenfenster in die Decke geschraubt, damit man abends bei brennendem Licht von der Straße aus die Klumpen bewundern konnte. War im Frühling das Garn mehrfach ausgelaugt und ausgewaschen, brachte man es zu Weber, der es zu Leinen verarbeitete. Die Leinwand, die nicht für Hemden, Handtücher und Bettwäsche bestimmt war, kam in die “Farbe”, wo sie meist blau gefärbt wurde für Hosen und Kittel der Männer. Grün, rot und schwarz wurde sie gefärbt für Frauenröcke und Sonntagshosen.
Löhnberger Strickkränzchen während des Ersten Weltkrieges. Hier wurden Strümpfe für die Soldaten gestrickt.
Die Spinnstube nahm im Spätherbst ihren Anfang. Die Mädchen und Burschen, Frauen und Männer, fanden sich bald in diesem, bald in jenem Hause ein. Die Mädchen und Frauen brachten ihre Spinnräder mit. Ein buntbemaltes und mit allerlei Schnörkeln und Zierat versehenes Spinnrad zeigte das wohlhabende Mädchen an. In der Mitte der niedrigen Stubendecke hing das kleine mit Rüböl gefüllte Licht, um das sich die Spinnerinnen im Kreise gruppierten. Dahinter auf den Bänken an den Wänden saßen die männlichen Besucher der Spinnstube. Großmutter und Großvater hatten ihren Ehrenplatz auf der Sitzbank hinter dem Ofen. Die Unterhaltung in der Spinnstube war bunt. Nachdem die Ansichten über Wind und Wetter ausgetauscht waren, wurden die Neuigkeiten des Tages besprochen. Ein alter Bauer erzählte von früher, von Feuers- und Hungersnot, von Teuerung und fruchtbaren Jahren. Sagen und Spukgeschichten wurden immer wieder erzählt, da sie sehr beliebt waren. Staubbedeckt und vergessen stehen heute die alten Spinnräder in einer dunkler Kammerecke oder auf dem Speicher. Die Spinnen ziehen ihre Gewebe um sie. Auf dem Flohmarkt oder beim Antiquitätenhändler werden sie dann und wann noch angeboten, für teures Geld. Die Spinnzeiten sind vorbei, doch das Stricken ist heute wieder bei jung und alt modern. Manche Frauen greifen zur Nadel, um sich dabei zu entspannen, oder aber, um sich Pullover, Jacken oder Schals nach eigenem Geschmack zu stricken. Früher blieb den meisten keine andere Wahl, um mit der Mode zu gehen.
Weltchronik 1915
Japan erklärt Deutschland den Krieg und erobert Tsingtau.
Die USA bewilligen den Alliierten finanzielle Unterstützung.
Italien tritt in den Krieg ein.
Erster deutscher Gasangriff an der Westfront (Bild: französische Truppen hinter der Front).

Deutsche Flugzeuge greifen Paris an, deutsche Luftschiffe London.
Deutschland verschärft den U-Boot-Krieg: Der USA-Dampfer “Lusitania” wird versenkt, da er Kriegsmaterial geladen hat.
Die Sütterlin-Schreibschrift wird ein deutschen Schulen eingeführt.
Albert Einstein entwickelt die Allgemeine Relativitätstheorie.
Der Ku-Klux-Klan wird in den USA neugegründet und beginnt seinen Kampf im Namen der Moral gegen Neger, Katholiken, Juden und Intellektuelle.
+ Paul Ehrlich, deutscher Serumforscher und Nobelpreisträger, verstirbt.
1916
Neues kirchliches Oberhaupt
Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der 1856 in Eltville geborene Augustinus Kilian in Limburg Bischof. Als er 1913 sein Amt antrat, hatte er bereits Erfahrungen des “Kulturkampfes” und des Neubeginns für die Katholische Kirche hinter sich. Bischof Blum hatte ihn aus dem Exil als Domkaplan nach Limburg geholt, wo er auch später als Domkapitular fungierte. Seinem Wesen nach ein konservativer, galt Kilian als Realist, der angesichts der Schrecken des Ersten Weltkrieges und der Inflationszeit in der “Weimarer Republik” eine zeitgemäße Seelsorge betrieb. 1920 hatte er die erste Synode des Bistums einberufen, die Caritas wurde modernisiert, im heimischen Raum, aber auch in den zum Bistum
Nach der Bischofsweihe im Jahre 1913 zog Bischof Kilian mit Gefolge durch die Stadt
zählenden Großstädten wurden neue Kirchen gebaut, in Limburg das Priesterseminar eingerichtet. Im Bistum entstand die neue Hochschule “St. Georgen” für den Priesternachwuchs. Den Zerfall der “Weimarer Republik” erlebte der Bischof nicht mehr. Er starb, 74jährig, im Oktober 1930. Für seine Nachfolge hatte er zuvor noch selbst gesorgt, indem er Antonius Hilfrich zu seinem Weihbischof mit dem Recht, Nachfolger zu werden ernannte.
Ein langer Trauerzug bewegte sich 1930 durch Limburg, als Bischof Kilian zu Grabe getragen wurde.
Kriegsverletzte vor dem Weilburger Krankenhaus in der Frankurter Straße.
Weltchronik 1916
Rumänien tritt in den Krieg ein; Italien erklärt Deutschland den Krieg.
Kämpfe um Verdun und an der Somme bringen keine Entscheidung.
Ein Friedensangebot des deutschen Kaisers wird abgelehnt.
Kaiser Franz-Josef I. von Österreich stirbt. Nachfolger wird sein Großneffe Karl I.
Hindenburg und Ludendorff übernehmen die deutsche Oberste Heeresleitung (Bild: von links: Hindenburg, Wilhelm II., Ludendorff).

Seeschlacht am Skagerrak zwischen deutschen und britischen Flotteneinheiten.
In Rußland wird der “Wundertäter und Gottesmann” Rasputin ermordet.
Ferdinand Sauerbruch, deutscher Chirurg, entwickelt bewegliche Prothesen.
+ Jack London, amerikanischer Schriftsteller, verstirbt.
+ Max Reger, deutscher Komponist, verstirbt.
+ Franz Marc, deutscher Maler, fällt vor Verdun.
1917
Die “Kulis” mit dem Posthorn
Bis 1929, dem Jahr der Einführung der Landkraftpost, wurden Ahausen, Allendorf, Kubach, Drommershausen, Gaudernbach, Hasselbach, Hirschhausen, Kirschhofen, Odersbach, Selters und Waldhausen vom Landbestellbezirk des Postamtes Weilburg versorgt. Sechs Landbriefträger tippelten täglich zweimal über die Dörfer und legten dabei - beladen mit schweren Posttaschen, Pakten und Päckchen - insgesamt 150 km zu rück. Zu den 15 kg schleppten sie oft freiwillig mehr und kassierten dafür ein Übergewichtsgeld. Waren Renten zu bezahlen, führten sie bis zu 20.000 Reichsmark mit sich. Ein kräftiger Knüppel war die einzige “Waffe” gegen Räuber, der in der guten alten Zeit aber selten gebraucht werden mußte.
Zu den Aufgaben des Landbriefträgers gehörte auch die Leerung der Briefkästen, die Entgegennahme von Päckchen, Paketen, Einschreibebriefen und Geldanweisungen, die zum Postamt mitgenommen werden mußten. Wegen der Unterschiedlichkeit der einzelnen Touren mußte jeder Landbriefträger täglich einen “schweren” Gang übernehmen. Morgens um 8 Uhr ging’s los. Von den schwersten Touren (Odersbach nach Gaudernbach und Drommershausen nach Hirschhausen) Landbriefträger vor dem Abmarsch: von links: Karl Graubner, Adolf Senn- laub, Adam Heil, Karl Schienbrand, Heinrich Lehn und Wilhelm Peusen. Im Posthausfenster: Ortszusteller Karl Quäl.
kehrten sie gegen 14 Uhr zurück. Danach erfolgte der zweite Gang. Die Zustellbezirke verteilten sich wie folgt: Tour 1: Obere Limburger Straße ab Brauerei Kirz, Sanstraße, Steinbühl, Grube Erhaltung, Odersbach, Gaudernbach, Forsthaus Scheuernberg und Hasselbach. Tour 2: Löhnberger Weg ab Güterabfertigung Bahnhof, Ahausen und Selters. Tour 3: Ahäuser Weg, Grüns Mühle, Jenges Mühle, Drommershausen, Hirschhausen, Hof Tiergarten und Forsthaus Tiergarten. Tour 4: Metzlers Hof, Oberförsterei Windhof und Kubach. Tour 5: Guntersau, Kirschhofen und Bahnhof unterhalb Kirschhofen. Tour 6: Waldhausen und Allendorf. Am 27. August 1929 ging mit der Einrichtung zweier Landkraftpostlinien ein Stück vertraut gewordene Postgeschichte zu Ende.
Hinweis!
Die nachfolgenden Schriftsätze, als auch die hier abgelichteten Bilder, betreffs des Gefangenenlagers und des Gefangenenfriedhofs in Dietkirchen, stammen urschriftlich sämtlich von Ludwig Ries, (webmaster@limburg-dietkirchen.de der die Dietkircher Homepage aufgebaut hat und auch pflegt! Für seine freundliche Erlaubnis, seinen Bericht in Schrift und Wort auch auf meiner Homepage verwenden zu dürfen, bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Sie können die Webseite unter www.limburg-dietkirchen.de erreichen.
Ihr Webmaster der SGM-Runkel 1947 e.V.
Gefangenschaft in Limburg
20.000 Kriegsgefangene wurden in einem Lager in Dietkirchen untergebracht, weitere in anderen Orten der beiden Kreise. Ein Friedhof erinnert heute noch in Dietkirchen an die vielen Soldaten fremder Nationalitäten, die in Kriegsgefangenschaft starben.
 Blick auf das Kriegsgefangenenlager in Limburg-Dietkirchen.
Der Krieg wirkte sich nicht nur auf die Truppe aus. Auch die Zivilbevölkerung spürte die Folgen. Lebensmittel wurden knapp, Ernährungsprobleme stellten sich ein und führten dazu, daß weite Teile der Bevölkerung hungerten.
Diese Tafel, am Eingang des Kriegsgefangenen-Friedhofs in Dietkirchen, erinnert an die Kriegsopfer des Ersten- und Zweiten Weltkrieges.
Der Eingang zum Kriegsgefangenen-Friedhof befindet sich an der Westseite.
Die Geschichte eines irischen Soldaten aus dem Kriegsgefangenenlager
Im nachfolgenden ein Abriss der Lebensgeschichte eines irischen Soldaten, des "Private" (im deutschen Militär des 1. Weltkrieges vergleichbar mit dem Rang eines Oberschützen) Christopher McDonald, der im Gefangenenlager in Dietkirchen inhaftiert war und der nach dem Krieg wieder in seine Heimat zurückkehrte.
Hiermit wird ein einzelnes Schicksal visualisiert, die Menschen des Lagers bekommen eine Geschichte und damit ein Gesicht. Christopher McDonald, eines von 11 Kindern der Familie McDonald,war 17 Jahre alt, als er 1913 dem 2. Batallion der Royal Dublin Fusiliers beitrat.
 Christopher McDonald
Auch seine beiden Brüder Daniel und Peter waren in der Armee. Daniel stand im Rang eines Regimental Sergeant Major der Royal Dublin Fusiliers, was einem deutschen Rang eines Stabsfeldwebels entspricht.
Identifikationskarte von Christopher McDonald als Kriegsgefangener
Christopher McDonald war einer der sogenannten "Old Toughs", wie die Mitglieder des 2. Bataillons genannt wurden. Das Bataillon war Teil der 10. Brigade, 4. Division der "British Expeditionary Force" (Britisches Expeditionskorps) unter dem Oberbefehl von General Sir John French, die als Armee später auch unter dem Namen "The Old Contemptibles" bekannt wurde. Im August 1914 landete er mit dem Bataillon in Le Havre. Die Stärke des Bataillons waren 22 Offiziere und 1053 andere Dienstgrade, die Stärke der gesamten Armee war mehr als 100.000 Mann.
Abzeichen des Verbandes der Royal Dublin Füssiliere
Blick in die Kleiderkammer das Limburger Kriegsgefangenenlagers. (Zitat gemäß einer englischen Beschreibung: Propaganda material from Limburg Prisoner of War camp depicted a Clothing Store, among other facilities.)
Nach dem Krieg verbrachte McDonald ungefähr 1 Jahr in Dublin, ehe er nach Glasgow umzog, wo er für die Schottische Eisenbahn arbeitete.
Innenansicht einer Lazarettbaracke (Zitat gemäß einer englischen Beschreibung: This interior view of a hospital ward at Limburg Prisoner of War camp appeared in a propaganda publication.)
Sein Glasgower Freund und Weggefährte bei den Royal Dublin Fusiliers, Bob Downie, war einer von 3 Dublinern, die mit dem Victoria Kreuz, der höchsten englischen militärischen Auszeichnung, bedacht wurden.
Bob Downie
Bob Downie
Victora Cross
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Das irische Kreuz auf dem Gefangenenfriedhof in Dietkirchen
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Von vielen Menschen, Besuchern wie auch Einheimischen, oft unbeachtet und nicht weiter im Detail betrachtet, hat das Dorf Dietkirchen, neben seinem wohl berühmtesten Bauwerk, der romanischen Stiftskirche St. Lubentius, noch eine weitere Sehenswürdigkeit aufzuweisen.
Es ist dies der Kriegsgefangenenfriedhof aus der Zeit des 1. Weltkrieges, auf dessen Gelände sich auch ein Irisches Hochkreuz befindet, auch Keltisches Kreuz genannt. Dieses Denkmal stellt nicht nur für unsere Gegend, sondern auch für ganz Deutschland, ein wohl einmaliges Denkmal dar. Möglicherweise handelt es sich hierbei um das größte Irische Hochkreuz in Europa, d.h. außerhalb Irlands.
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Die Dietkircher Schulchronik schreibt zur Errichtung des Kreuzes im Jahre 1917:
Zu Pfingsten d. Js. erhielt der Friedhof des hiesigen Gefangenenlagers einen herrlichen Schmuck. Die im vergangenen Jahre dahier im Lager befindlichen irischen Gefangenen haben in liebevollem Gedenken ihren dahier bestatteten Kameraden ein wunderbares in streng romanischem Stile ausgeführtes Denkmal gestiftet. Auf mächtigem Unterbau erhebt sich ein gewaltiges Kreuz. Vom Kreuzsockel an mißt dieses 3 m und ist selbiges aus einem Stück gearbeitet. Die Breite des Kreuzes beträgt 1,60 m, die Stärke 0,50 m. Ausgeführt ist es in Sandstein.
In der Mitte der Vorderseite erblickt man das Bild des Gekreuzigten. Am oberen Ende ist das Reliefbild des hl. Patrik, des Schutzpatrons von Irland. An den beiden Kreuzesarmen sind noch zwei Reliefs von Heiligen.
Auf den Beschauer wirkt mächtig das Bild des Heilandes. Auf der Rückseite sieht man vier irische Wappen: hoch oben drei Kronen, in der Mitte die Harfe, links den Adler mit dem Schwert, rechts eine ausgestreckte Hand.
Sämtliche Bildwerke und Reliefs sind aus dem Steine herausgemeißelt.
Auf der Rückseite und dem Sockel stehen die 34 Namen der dahier ruhenden irischen Gefangenen.
Ein äußerst symbolisches Relief trägt auf der Rückseite der untere Teil des Kreuzes. Die aufgehende Sonne sendet ihre Strahlen, wohl die Hoffnung des irischen Volkes. An einer kleinen Kapelle des Reliefs steht aufrecht ein kleines Kreuz, hinweisend auf die Hilfe von Gott, ein kleines umfallendes Kreuz versinnbildet die trügerischen Hoffnungen dieser Erde. Der Hund, als Sinnbild der Wachsamkeit, zeigt auf die Zukunft, - das irische Volk will wachsam sein, den geeigneten Zeitpunkt der Befreiung aus langem Leid erwarten.
Der Entwurf dieses Werkes ist von Herrn Architekt A. Meister in Bochum i. W. Die Ausführung von Herrn Steinmetzmeister Johann Klein aus Münster i. W. Der Preis beträgt ungefähr 6000 M.
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Über all die Jahre (seit 1917), hat die Zeit und die Natur durch ihre Witterungseinflüsse allerdings ihre Wunden in diesem Kreuz (Hier abgelichtet: unterer Sockel Ostseite) hinterlassen. Der Sandstein, ein von Natur aus eher anfälliges Baumaterial, ist an einigen Stellen äußerst stark beschädigt, so dass nur eine baldige denkmalschützerische Hilfsaktion das Kreuz noch retten kann! Ein Warten auf finanziell rosigere Zeiten der öffentlichen Hand, wird eher dem Zerfall zugute kommen als einem Erhalt. Aus diesem Grund bitte ich Sie, sich mit der Stadt Limburg in Verbindung zu setzen, um durch Ihre persönliche Spende effektiv dazu beizutragen, dieses Mahnmal und Volksgut sinnloser, unsinniger Kriege auch für kommenden, bzw. nachfolgenden Generationen als abschreckendes Beispiel zu erhalten!
Ein nicht zu übersehendes Mahnmal von zwei unsinnigen Kriegen, die nur Tod, Elend, Not und Schmerz aller Beteiligten mit sich brachte. Hier ein Blick auf die Westansicht.
Diese Gedenktafel erinnert an die Kameraden, die während ihrer Kriegsgefangenschaft in Deutschland, 1914 bis 1918 starben. Errichtet von unserem lieben Kaplan (Seelsorger) J.T. Crotty O.R und den Irischen Kriegsgefangenen in Limburg an der Lahn.
Notgeld
Der Mangel an Kleingeld zwang in den Jahren 1917 und 1918 zur Herstellung von Notgeld in Metallstücken von 5, 10 und 20 Pfennig und in Papiergeld im Wert von 50 Pfennig.
Notgeld der Stadt Limburg.
Weltchronik 1917
In Rußland kommt es zur bürgerlichen Revolution, die zur Abdankung des Zaren führt. Lenin kehrt aus seinem Schweizer Exil nach Rußland zurück und bereitet die sozialistische Revolution vor. Am 7.11. übernehmen die Bolschewisten die Macht.
In seiner Osterbotschaft kündigt Wilhelm II. die Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts an.
In Rußland werden Fabriken, Bodenschätze und Großgrundbesitz enteignet.
Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg Deutschlands führt die Kriegserklärung der USA an die Mittelmächte herbei.
Erfolglose Friedensvermittlungsversuche von Papst Benedict XV.
Georges Clémenceau (“Der Tiger”) wird französischer Ministerpräsident (bis 1920).
Sigmund Freud veröffentlicht seine “Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse”.
Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gründen die Salzburger Festspiele.
+ Mata Hari, niederländische Tänzerin, wegen Spionage erschossen.
+ Ferdinand Graf Zeppelin, deutscher Luftschiffbauer, verstirbt.
+ Emil von Behring, deutscher Serologe, verstirbt.
+ Edgar Degas, französischer Maler, verstirbt.
1918
Der Krieg ist zu Ende
Limburg war im Ersten Weltkrieg Durchgangsstation zur Westfront; nach dem Waffenstillstand 1918 erste Stadt in unbesetztem Gebiet. Das linke Rheinufer wurde vornehmlich von Franzosen besetzt, die zusätzlich drei Brückenköpfe gegenüber von Köln, Koblenz und Mainz errichteten. In Freiendiez stand der Schlagbaum, der das besetzte Gebiet vom unbesetzten Teil des Deutschen Reiches abtrennte. Limburg zählte zur neutralen Zone, in der sich keine Waffenträger, auch keine Soldatenräte befinden durften. Im November 1918 begann der Rückstrom der deutschen Truppen. Tagelang zogen sie durch Limburg. In der Kreisstadt wurde 1918 eine sogenannte Erquickungsstelle eingerichtet, um die zur Front und nunmehr zurückflutenden Soldaten auf ihrem Durchmarsch zu versorgen.
 Die heimkehrenden Soldaten werden in der Erquickungsstelle in Limburg versorgt. Hier sieht man sie vor dem Gebäude mit dem Personal.
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In der Neugasse in Weilburg betrieb Carl Schepp ein Bekleidungsgeschäft, das er von Josef Brühl übernommen hatte. Heute wird an gleicher Stelle ein großes Bekleidungshaus von seinen Nachfahren geführt. Die Aufnahme, die etwa 1918 entstand, zeigt von links nach rechts: Frl. Klee, Modistin - Frau Margarthe Schepp - Tochter Margarethe Schepp - Inhaber Carl Schepp - Grete Stamm, später Frau Kleen - Tocher Diana Schepp - Frl. Johanna Bau- henn, später Frau Schlicht - Frl. Lotte Hardt, später Frau Heimershoff.
Weltchronik 1918
Beginn des russischen Brügerkrieges. Zar Nikolaus und seine Familie werden in Jekaterinburg erschossen.
Die oberste Heeresleitung verlangt von der Reichsregierung ein sofortiges Friedensangebot. Im Wald von Compiègne wird in einem Eisenbahnwaggon: (Bild) ein Waffenstillstand vereinbart.

Prinz Max von Baden wird deutscher Reichskanzler. Wilhelm II. und der Kronprinz verzichten auf den Thron und gehen in holländisches Exil.
Der deutsche Physiker Max Planck erhält den Nobelpreis.
Österreich-Ungarn bircht zusammen. es entstehen die Republiken Deutsch-Österreich, Tschechoslowakei und Ungarn. Jugoslawien wird als Königreich gegründet.
Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft die Republik aus. Unter Friedrich Ebert übernimmt der Rat der Volksbeauftragten die Regierung.
Heinrich Mann schreibt seinen Roman “Der Untertan”.
+ Claude Debussy, französischer Komponist, verstirbt.
+ Frank Wedekind, deutscher Dramatiker, verstirbt.
+ Peter Rosegger, österreichischer Schriftsteller, verstirbt.
1919
Die Nassauer schoben Kohldampf
Die Mitglieder des Kriegervereins Essershausen haben sich mit ihrer Fahne zu einem Erinnerungsfoto versammelt.
Während das Gerücht in Europa umherging, der Wundermann am Zarenhof, Grigorij Jefimowitsch Rasputin, sei ermordet worden, hatten die Nassauer andere Sorgen. Sie beachteten die Zeitungsnotiz über die Versorgung der Bevölkerung mehr als über den Tod des geistlichen Finsterlings der Zarin Alexandra. Denn die Nassauer schoben Kohldampf. Am 20. Mai 1919 heißt es im Weilburger Anzeiger: “Inhaber von Brotkarten haben die ihnen zustehende Menge an Seife, Seifenpulver usw. nach Maßgabe der vorerwähnten Bekanntmachung, als nach Vorlage der für den 25. Tag des betreffenden Kalendermonats geltenden Brotkarte zu beziehen, auf deren Umschlag der Verkäufer die Abgabe der Seife nach Art und Gewicht mit Tinte und Farbstempel zu vermerken hat.” Nicht nur die Versorgung der Bevölkerung mit Brot und Seife hat sich glücklicherweise gebessert, sondern auch das Zeitungslesen und das Amtsdeutsch. Die Bevölkerung war auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges wirtschaftlich nicht vorbereitet, und es sollte sich bitter rächen, daß die Zivilverwaltung keine Vorkehrungen getroffen hatte. Je nach Viehbestand mußten die Bauern damals ihre Produkte bei der Stadtverwaltung abliefern. Manch einer versteckte deshalb immer etwas Kleinvieh. Aber die Beamten kamen oft hinter diesen Schwindel, sie erwischten auch manche, die ihr Korn heimlich in die Mühle brachten, um es schwarz mahlen zu lassen. Je größer die Not wurde, desto mehr nahmen Schmuggel und Schwarzhandel zu. Ihren Tabak zogen von nun an viele selbst. Nur Karnickel durfte man halten, ohne dafür etwas abgeben zu müssen. Abends zogen die Städter auf die Dörfer, um auf eigene Faust bei ihren Bauern etwas Eßbares zu kaufen oder einzutauschen. Die Leute sammelten Bucheckern. Sie brauchten allerdings die offizielle Erlaubnis, in einer Schlagmühle (so in Badig oder Freienfels) für 15 Pfund Bucheckern einen Liter Öl einzutauschen.
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Da die Versorgungslage der Bevöl- kerung alles andere als zufrieden- stellend war, ergriffen die Menschen selbst die Initiative. Die Aufnahme entstand 1917 bei einer Schwarz- schlachtung in Weilburg.
Weltchronik 1919
Gründung des Völkerbundes in Genf
Die Regierung der Volksbeauftragten überträgt die Macht der in Weimar zusammentreffenden demokratisch gewählten deutschen Nationalversammlung. Friedrich Ebert wird zum ersten Reichspräsidenten gewählt, Philipp Scheidemann wird Ministerpräsident.
Frauen über 20 Jahre erhalten in Deutschland das Stimmrecht.
Der Spartakusaufstand in Berlin wird niedergeschlagen.
Die Führer der KPD, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, werden von Freikorpsangehörigen ermordet.
Walter Gropius gründet das “Staatliche Bauhaus” in Weimar.
Die Alliierten fordern ultimativ die Unterzeichnung der Versailler Verträge. Der Vertrag wird durch Hermann Müller und Johannes Bell im Speisesaal des Schlosses zu Versailles unterzeichnet (Bild).

Erster regelmäßiger Luftverkehr in Deutschland zwischen Berlin und Weimar.
+ Auguste Renoir, französischer Maler, verstirbt.
1920
Vom Walderholungsheim zur Jugendherberge in Odersbach
Nach dem Ersten Weltkrieg war die Versorgung schlecht. Viele Menschen mußten hungern und waren unterernährt. Die Kreisverwaltung Oberlahn versuchte, die Not vieler Familien dadurch etwas zu ändern, daß sie die Kinder in einem Walderholungsheim bei Odersbach aufpeppelte. Die Wohlfahrtseinrichtung wurde Anfang der zwanziger Jahre eingeweiht. In den für die damalige Zeit ansprechend eingerichteten Baracken waren bis zu zehn Kinder untergebracht. Das Essen wurde in einem großen Gemeinschaftsraum an langen Tischen eingenommen, wo ebenso wie in den Schlafsälen ein gußeiserer Kanonenofen für die nötige Wärme sorgte. Unweit des Walderholungsheimes, von dem heute nicht mehr viel übrig ist, wurde Anfang der sechziger Jahre die Kreisjugendherberge aufgebaut.
 Während die Jungen das Gymnasium besuchten, gingen die Mädchen in die Höhere Töchterschule. Die Aufnahme, die um 1890 entstand, zeigt die Schülerinnen mit ihrer Lehrerin vor dem Schulgebäude in der Frankfurter Straße.
 Im Walderholungsheim bekamen die Kinder ordentlich zu essen. Mit Tanz und Spielen konnten sie für einige Wochen die schlimmsten Erlebnisse der Hungersnot verdrängen.
“Täglich frische Gänsebrust”
Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Weilburg noch eine Höhere Töchterschule (heute steht hier die katholische Kirche), von der hoffnungsvollen männlichen Jugend der Stadt “Gänsestall” genannt. Die “höheren Töchter” hießen die “Gäns”. Auf dem Marktplatz gab es in jenen Jahren ein Lebensmittelgeschäft, das auch allerlei Delikatessen führte. Sie waren durch besondere Aushangtafeln dem “geehrten Publikum” empfohlen. Eines Tages verschwand eine solche Tafel am Geschäft, dafür war am nächsten Morgen an der Töchterschule in der Frankfurter Straße zu lesen: “Täglich frische Gänsebrust”.
Die Limburger Brückenvorstadt und die untere Schiede sind überschwemmt. Der Nachen versorgt das Auviertel.
Weltchronik 1920
Erstes Betriebsrätegesetz in Deutschland.
Einführung des Frauenwahlrechts in den USA.
Umbenennung der Deutschen Arbeiterpartei in NSDAP.
Nordschleswig kommt durch Abstimmung an Dänemark, Eupen und Malmedy an Belgien.
Die deutschen Kolonien werden Völkerbundsmandate.
Kapp-Putsch in Berlin: Rechtsradikale Offiziere und Soldaten unter der Führung von Wolfgang Kapp versuchen erfolglos, die Reichsregierung zu stürzen.
Alkoholverbot in den USA (Prohibition, bis 1933).
Ein Erdbeben in China fordert 200.000 Opfer.
Paavo Nurmi, finnischer Läufer, erringt bei den VII. Olympischen Spielen in Antwerpen seinen ersten Olympiasieg. Deutschland ist nicht vertreten.
In Indien führt Gandhi einen gewaltlosen Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft für ein unabhängiges Indien.
Uraufführung des Filmes “Das Kabinett des Dr. Caligari” mit Konrad Veidt.
+ Ludwig Ganghofer, deutscher Schriftsteller, verstirbt.
1921
Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war in den bäuerlichen Betrieben noch lange nicht an Traktoren und andere motorische Maschinen zu denken. Pferde und Ochsengespanne versahen in der Landwirtschaft bis in die fünfziger Jahre ihren Dienst, wie hier das Gespann von Georg Scherer aus Obertiefenbach.
Leserbrief
Rüpelhaftes Benehmen höherer Schüler aus der Weilburger Gegend auf der Bahn. Am 26. Mai fuhr ich von Bad Neuheim, wo ich Besserung meines nervösen Herzleidens suchte, nach Hause. In Wetzlar, 2.20 Uhr, stiegen in mein Abteil 5 junge Leute. Nach ihrer Fahrkarte und ihren Äußerungen waren sie aus der Weilburger Gegend, einer davon eines Bürgermeisters Sohn. Wenn auch die Mütze und die Büchertasche die Besucher einer höheren Schule verrieten, so war in ihrem Benehmen asolut nichts von höherer Schulbildung zu spüren. Im Gegenteil: Zotige Reden und Felgeleien erreichten einen deratigen Grad, daß schließlich sogar einer von den Herrschaften meinte, man müsse sich doch etwas mehr zurückhalten, weil es sonst Schwierigkeiten geben könnte. Als die Sache immer toller wurde, erschien aus dem Nebenabteil ein Herr und bat um anständiges Benehmen. Aber weit gefehlt, wenn man meinen würde, es wäre seinen Worten die geringste Beachtung geschenkt worden. Schlüpfrige Reden und Belästigungen zwangen mich zwischen Albshausen und Burgsolms ins Nebenabteil zu flüchten. Erst nachdem die Herrchen in Weilburg den Zug verlassen hatten, traute ich mich, meine Sachen und mein Abteil aufzusuchen. Angesichts dieser traurigen tiefbeschämenden Tatsache aber drängen sich mir zwei Fragen auf: War man nicht ein Tor, sich vier lange, lange Jahre in Schmutz und Schlamm herumzuwälzen, damit in Deutschland derartige Menschen, unberührt von des Krieges Not, heranwachsen konnten? Zum anderen aber, wie wird es in Deutschland aussehen, wenn derartige Leute nach Beendigung ihrer Schulzeit einmal als Vorgesetzte oder als Erzieher fungieren?
Neue Glocken für Weyer
Die Kirche in Weyer hat nun drei Glocken. Die größte und kleinste wurden neu beschafft. Erstere trägt die Inschrift: “Stärke und Hilfe in aller Not”, die letztere: “Bete und arbeite”, die mittlere, bisher die größte, trägt die Inschrift: “Soli Deo Gloria”.
Die Turnerriege des Turnvereins Limburg hat in strammer Haltung Aufstellung genommen.
Weltchronik 1921
Konrad Adenauer wird Präsident des Preußischen Staatsrates.
Der Zentrumspolitiker Joseph Wirth wird deutscher Reichskanzler.
Auf der Konferenz in Paris wird die Reparationsschuld Deutschlands auf 269 Milliarden Goldmark, zahlbar in 42 Jahresraten, festgelegt.
Der deutsche Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (linkes Bild) und der erste bayrische Ministerpräsident Kurt Eisner werden ermordet.

Albert Einstein (rechtes Bild) erhält den Physik-Nobelpreis.
Deutschland und Polen teilen sich Oberschlesien.
Hitler wird Erster Vorsitzender der NSDAP.
Warren Harding wird erster republikanischer Präsident der USA.
Uraufführung des Films “The Kid” mit Charlie Chaplin.
+ Enrico Caruso, italienischer Operntenor, verstirbt.
+ Ludwig Thoma, deutscher Schriftsteller, verstirbt.
+ Engelbert Humperdinck, deutscher Komponist, verstirbt.
1922
Die Getreideernte war ein hartes Brot
Bevor Traktoren und motorgetriebene Mähdrescher Einzug auf den Feldern hielten, war die Getreideernte für die ländische Bevölkerung noch ein hartes Brot. Muskelkraft von Mensch und Tier waren gefordert; der technische Fortschritt brach sich erst in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg Bahn. Der technische Fortschritt auf dem Getreidefeld bedeutete nach und nach, das “Aus” für Sense und Sichel; Geräte, mit denen sich die Vorfahren jahrhundertelang im Schweiße ihres Angesichts auf den Feldern abgequält hatten. Beim Handabmachen der Sommerfrucht wurde das Reff - eine Sense mit kreisförmigem Gestell - aus rationellen Gründen der Sichel vorgezogen, denn ein guter Schnitter mit zwei Frauen zum Aufnehmen der gemähten Halme schafften doppelt soviel wie Areitskräfte mit der Sichel. Auf Feldern, wo Wind und Regen die Halme nach unten hatten, war das Reff jedoch nicht einzusetzen. Das geschnittene Getreide wurde zu Garben gebunden und zum Trocknen auf “Hausten”
Der Schnitter wetzt die Sense des Reffs mit dem Wetzstein.
gestellt, bis es zum Dreschen geholt oder in die Scheunen eingefahren wurde. Diese mühevolle Getreideernte wurde im Nassauer Land, wo die Felder bis zur Flurbereinigung noch relativ klein zugeschnitten waren teilweise noch sehr lange praktiziert, weil die Maschinen auf kleinen Parzellen rationell nicht eingesetzt werden konnten.
Dieser Mann bindet eine Garbe, die von einem aus Getreidehalmen geflochtenen Seil zusammen- gehalten wird. Im Hintergrund erkennt man Hausten, an denen die Getreidegarben trocknen, bevor sie eingefahren und gedroschen werden.
Weltchronik 1922
Die Weltwirtschaftskonferenz führt zum deutsch-russischen Vertrag von Rapallo: keine Kriegsentschädigung und Aufnahme diplomatischer Beziehungen.
Benito Mussolini wird nach einem faschistischen Staatsstreich italienischer Ministerpräsident (Bild).

Gründung der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR).
Stalin wird Generalsekretär der KPdSU.
Der deutsche Außenminister Walther Rathenau wird von Rechtsextremisten ermordet.
Erste drahtlose Übertragung eines Bildes von Europa nach den USA.
Uraufführung von Fritz Langs Film “Dr. Mabuse, der Spieler”.
Erstausgabe von James Joyces “Ulysses” in Paris.
Bertold Brechts Stück “Trommeln in der Nacht” wird uraufgeführt.
+ Alexander Graham Bell, Erfinder des Telefons, verstirbt.
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